Tübinger Tolkientage 2017

Tübinger Tolkientage 2017

An Bebenhausen fahre ich jeden Donnerstag und jeden Freitag auf dem Weg zur Arbeit vorbei. Das beeindruckende Kloster taucht immer erst direkt hinter einer Kurve auf. Viel mehr Häuser habe ich von dem Dorf allerdings bislang nicht zu Gesicht bekommen. Dass hier der erste Teil der Tübinger Tolkientage stattfinden wird, war mir erst kurz vor Beginn – eine Woche vorher – bewusst.
Nach dem Ringe-Schmieden durfte ich am Montag, den 4.9. um 14:00 die Autorenlesungen im Rahmen der Tage einleiten, die sich mit Fantasy und Mittelalter beschäftigten. Ich habe aus „Tod einer Hofdame“ gelesen und war ehrlich gesagt so nervös wie schon lange nicht mehr. Die letzte Lesung lag doch wieder ein paar Monate zurück und ich hatte vergleichsweise wenig Zeit, um zu üben.
Wir waren eine gute halbe Stunde vor Beginn in Bebenhausen und konnten daher noch miterleben, wie das SWR eine kleine Einheit im Radio lieferte. Danach plauderte ich mit Leiter und Helfern der Tübinger Tolkientage. Man merkt sofort, dass viel Herzblut hinter dieser Aktion steckt. Fantasy- und Mittelalterfreunde reisen von vielen verschiedenen Orten an: der Referent nach mir kam aus Bochum, die Autorin aus Berlin.
Ich durfte vor einem knapp 20köpfigen Publikum lesen. Zunächst habe ich mich kurz vorgestellt und dann den Prolog gelesen. Im Prolog werden bereits einige Historische Fakten genannt, daher lieferte ich anschließend ein paar genauere Informationen über den Aufbruch Richards zum Kreuzzug und die Gründe für seine Gefangennahme. Nachdem ich daraufhin die erste Szene von Kapitel 1 vorgetragen habe, folgte eine kurze Fragerunde, in der sehr interessante Fragen gestellt wurden. Mit dem aufmerksamen Publikum hat die Lesung superviel Spaß gemacht.

Einen weiteren Programmpunkt der Tolkientage durfte ich am vergangen Samstag, dem 9.9 mitgestalten. Von 15:00 bis 17:00 fand zum ersten Mal im Rahmen dieser Veranstaltung ein Story-Slam statt. Viele von euch kennen vermutlich einen Poetry-Slam. Der Story-Slam verlief ähnlich: 9 Autor*innen traten gegeneinander an. Nach dem Zufallsprinzip wurden immer 3 Autor*innen zu einer Gruppe gepaart. 5-7 Minuten durfte gelesen werden. In der ersten Runde wurde aus jeder der drei Gruppe ein/e Lesende/r in die zweite Runde gewählt. Schiedsrichter war das Publikum. Anhand des Applauses wurde entschieden, wer weiterkommt.
Ich selbst bin leider schon in der ersten Runde ausgeschieden. Es war knapp, ich persönlich halte es aber für gerechtfertigt. Die Gewinnerin meiner Runde Veronika Serwotka las im Stehen, was ich selbst unglaublich herausfordernd finde, da dabei die Atmung noch einmal ganz anders kontrolliert werden muss. In der zweiten Runde wurde dann die endgültige Gewinnern gewählt, die auch einen Pokal erhalten hat. Jasmin N. Weidner hat nicht nur hervorragend gelesen, ihre Geschichte war einfach witzig und hat das Publikum gut unterhalten. Der Applaus war eindeutig. Ich gönne es ihr von Herzen.

Insgesamt haben mir die Tolkientage wirklich viel Freude bereitet. Die Veranstaltung findet nur alle 5 Jahre statt. Aber ich hoffe, ich kann auch 2022 wieder dabei sein, sei es als Autorin oder als Teilnehmerin!

Ich lese gerade:

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    Die Lüge von Amergin Manor

    Antonia Günder-Freytag

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Die Tage die ich dir verspreche

Die Tage die ich dir verspreche

„Berührt auf Gefühlsebene und regt zum Nachdenken an. Lily Oliver bietet bewegende Einblicke in das Leben einer jungen Frau nach einer Herztransplantation.“

Autorin: Lily Oliver
Umfang: 370 Seiten
Sprache: Deutsch
Kauf: Amazon ~ Buchhandel ~ Verlag

Zusammenfassung: Gwen hat ein neues Herz erhalten und steht nach der Reha nun vor der Aufgabe, ins Leben zurückzufinden. Dabei wird sie von Erwartungen erdrückt. Ihr Vater will sie unbedingt zum Studium bewegen, ihr Bruder will sie zum Laufen motivieren und überhaupt meint jeder, nach der Transplantation sei doch alles gut. Für Gwen hingegen ist gar nichts gut. Sie fühlt sich schuldig, trotz des großen Geschenkes kein Glück empfinden zu können, und sieht schließlich nur noch einen Ausweg: Sie muss das Herz jemandem geben, der damit auch leben kann. Also postet sie in einem Forum, in dem sie sich erst vor kurzem angemeldet hat: „Herz zu verschenken“.
Der Moderator des Forums, Noah, hält den Aufruf für einen grotesken Scherz und löscht den Beitrag kurzerhand. Weil er Gwen für einen „Troll“ hält, der im Forum nur Unruhe stiften will, sperrt er sie und behauptet sarkastisch, er habe sie gelöscht, weil er das Herz für sich will. Er hält das Thema für erledigt. Bis Gwen mitten in der Nacht vor seiner Haustür auftaucht, um ihm das Herz zu geben.

Der Roman ist (meist) abwechselnd aus der Ich-Perspektive von Noah und Gwen geschrieben. Eingeleitet werden die Kapitel mit einem Forumsbeitrag des jeweiligen Perspektivträgers. Der Kniff hat mir gut gefallen, weil man dadurch zum einen sofort wusste, welches ‚Ich‘ im Kapitel spricht und zum anderen die Themen der Kapitel vorab angedeutet werden.
Als Zeitform hat sich Oliver für das Präsens entschieden. Für mich war dieser Roman dadurch in mehrerer Hinsicht eine neue Erfahrung: Um Romane in Ich-Perspektive und Präsens habe ich bislang einen großen Bogen gemacht. Bewusst dafür habe ich mich diesmal nicht entschieden: der Trailer zum Buch hatte mich bereits so sehr angesprochen, dass ich nicht mehr in die Leseprobe geschaut habe. Zu meinem Schaden war es allerdings nicht. Perspektive und Zeitform haben ganz wunderbar zu der Geschichte gepasst und es las sich sehr angenehm.

Dazu beigetragen hat sicher auch der Schreibstil. Meiner Meinung nach war es eine gute Mischung aus Gedanken und Handlung, auch wenn erstere definitiv überwiegen. Allerdings hatte ich nur an einigen wenigen Stellen das Gefühl, die Gedanken würden sich im Kreis drehen. Es wird auch nicht seitenlang über Pro und Contras diskutiert. Oliver legt einen Schwerpunkt darauf, wie unterschiedlich dasselbe Verhalten und derselbe Satz von verschiedenen Personen wahrgenommen werden.

Durch die Ich-Perspektive ist der Leser sehr eng mit Gwen und Noah verbunden. Die Hauptfiguren haben dabei beide ihre eigenen Lasten zu schleppen. Auch die Probleme von Noah werden immer wieder in den Roman eingeflochten und spielen zu denen von Gwen eine ausgewogene Rolle. Oliver ist es wirklich gut gelungen, zwei fremde Persönlichkeiten aufeinanderprallen zu lassen und ihre je eigenen Sorgen miteinander zu verweben. Persönlich konnte ich mich besser mit Gwen als mit Noah identifizieren. Das lag meines Erachtens nicht nur am Geschlecht, sondern auch daran, dass Gwen im Großen und Ganzen die interessantere Entwicklung durchmacht. Außerdem kam es bei Noah meines Erachtens eher vor, dass sich die Gedanken im Kreis drehten. Bei ihm hatte ich auch häufiger als bei Gwen das Bedürfnis, ihm einen Tritt in den Hintern zu verpassen, weil er sich etwas trottelig anstellt (ohne jetzt behaupten zu wollen, dass ich mich in so einer Situation besser verhalten würde … ;-))
Bei zwei so klar definierten Hauptfiguren könnte man meinen, dass die Nebenfiguren zu kurz kommen würden. Aber ich finde auch sie auf angenehme Weise in die Geschichte eingeflochten. Ich hatte bei keiner Figur das Gefühl, einen bestimmten Typus vor mir zu haben. Einzige Ausnahme ist hierbei vielleicht Noahs Ex, die keine breite Rolle bekommt. Alle anderen hingegen, sowohl Gwens Eltern, ihr Bruder und ihr Freund Alex, als auch Noahs bester Freund Sevi und seine Mutter lassen mehrere Facetten erkennen. Und dann ist da noch Gwens beste Freundin Leni, die selbst auf ein Herz wartet. Wie sie in die Geschichte eingebunden wurde, hat mir besonders gut gefallen.

Die Geschichte entwickelt sich eher langsam. Oliver nimmt sich Zeit, die Veränderungen und Schicksalsschläge ihrer Protagonisten darzustellen. Dennoch fand ich die Geschichte die meiste Zeit über spannend. Angetrieben wurde sie vor allem von zwei Fragen: Findet Gwen einen Weg, mit dem neuen Herzen zu leben? Und wie wird Noah seine Lüge los, bzw. wie wird Gwen auf die Wahrheit reagieren? In der Mitte gab es für mich eine kurze Durststrecke. Ich hätte das Buch zwar nicht aus der Hand gelegt, aber fast ein wenig überflogen. Kurz davor hat es aber wieder die Kurve gekriegt: In das eher zähe Gefühlschaos um Gwen und Noah wird Leni stärker eingebunden, was der Geschichte neuen Wind verleiht.

Ich bin kein Experte, was Organspende anbelangt. Vor allem mit der Frage, wie es Patienten ergeht, nachdem sie ein Organ erhalten haben, habe ich mich bislang nie auseinandergesetzt. Der Roman bietet hierfür einen sehr interessanten Einblick, den Oliver eigenen Angaben nach zwar erfunden, aber gut recherchiert hat. Ich fand die Gefühle, Gedanken und Entwicklungen in jedem Fall gut nachvollziehbar.

Fazit: Das Buch bewegt und regt zum Nachdenken an. So intensiv mit Organspenden habe ich mich bislang nicht auseinandergesetzt. Auch mit einem kleinen spannungstechnischen Durchhänger in der Mitte sehr empfehlenswert!

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Drachenkralle: Die Klaue des Morero

Drachenkralle: Die Klaue des Morero

„Ein herrschsüchtiger Regent sucht nach einem mächtigen Artefakt, das die ganze Welt versklaven kann. Nur ein paar Jugendlichen und deren Drachen stellen sich ihm in den Weg …“

Autorin: Janika Hoffmann
Print: 370 Seiten
Sprache: Deutsch
Kauf: Amazon ~ Buchhandel ~ Verlag

 

Zusammenfassung
Simon trifft auf die Drachin Maya, die in einem Gebirge von Männern angegriffen wird. Aus einem ihm nicht bekannten Grund durchtrennt er die Stricke, mit denen die Drachin gefesselt ist. Als die Männer ihn daraufhin angreifen, wird er von Maya gerettet. Schnell merken die beiden, wie verbunden sie sich fühlen und beschließen, ein Verpflichtungsritual einzugehen. Die Bewohner von Simons Dorf Taran sind zunächst gar nicht begeistert, denn sie fürchten sich vor der Drachin. Mit der Zeit gewöhnen sie sich an Maya.
Dann wird Simons Dorf angegriffen. Der machtgierige Igor hat seine Schergen ausgesandt, um die Klaue des Morero zu finden, ein Artefakt, mit dem er alle Menschen beherrschen könnte. Simon und seine Freunde wollen das nicht zulassen. Sie beschließen, das Artefakt selbst zu suchen und Igor zuvorzukommen.

Das Buch ist wirklich schön gemacht. Sowohl Cover als auch Layout haben mir gut gefallen. Das Hardcover liegt angenehm in der Hand, die Schrift hat eine leicht lesbare Größe, und ein besonderer Hingucker sind die Zeichnungen, die die Kapitel einleiten. Eingeteilt ist die Geschichte in drei Teile, von denen die ersten beiden etwa gleich lang und der dritte etwas kürzer ist.

Inhaltlich beschäftigt sich der erste Teil damit, wie sich Simon und Maya kennen lernen. Bei einem Streifzug mit Simons bester Freundin Katharina treffen die beiden außerdem auf den Drachen Maro, der in der Geschichte wichtig wird. Im zweiten Teil nimmt die Suche nach der Klaue den meisten Raum ein. Diese wird durch ein Rätsel versteckt, das die Freunde zu lösen versuchen. Den dritten Abschnitt werde ich nicht resümieren, da das ein zu großer Spoiler wäre. Die meisten Szenen sind aus der Sicht von Simon geschrieben. Ab und an kommt jedoch auch Alexis, Igors Sohn, zu Wort, der zu Beginn des Buches einen starken Silberdrachen mit einem Ritual unterwerfen soll, um seinen Vater bei dessen brutalen Machenschaften zu unterstützen.

Ein böser Herrscher, ein Artefakt, das alle unterwerfen kann, und eine hoffnungsvolle Allianz zwischen einem Jungen und einer Drachin – das klang nach einer Mischung aus Herr der Ringe und Eragon. Doch ich war gespannt, was Janika Hoffmann, die ich persönlich sehr schätze, aus dem Stoff machen würde. Bekannte Elemente können ja zu einer originellen Geschichte verarbeitet werden. Leider ist das für meinen Geschmack in der Drachenkralle nicht wirklich gelungen. Ich führe das auf zwei Gründe zurück:

Als erstes sind da die Stereotypen Charaktere zu nennen, deren Motivation sich mir nicht erschloss. Am schlimmsten war das bei Igor, der durchweg einfach nur als machtgierig beschrieben wird. Seine Macht kann er eigentlich nur durch seine Schergen ausüben, die halt alle furchtbare Angst vor ihm haben, und von denen es keiner wagt, sich ihm zu widersetzen. Ja, er hat sich einen Drachen unterworfen. Aber gegen Maya und Maro kämpfen seine Leute auf seinen Befehl doch auch. Sie könnten sich schon gegen ihn wehren, wenn sie sich zusammenschließen. Aber auf die Idee kommt niemand. Seinen Sohn finde ich zwar etwas interessant gestaltet, da der zumindest in einem Zwiespalt steckt, allerdings ist bei ihm außer Angst auch keine richtige Motivation zu erkennen.
Was die Gruppe um Simon und Maya anbelangt: Sie wollen nicht tatenlos zusehen. Das ist ja auch legitim. Allerdings schwebt Simons Familie in keiner unmittelbaren Gefahr. Bis die Männer in Taran aufgetaucht sind, hat aus irgendeinem Grund auch noch nie jemand etwas von diesem mächtigen Igor gehört. Aber trotzdem sieht Simon es als seine Pflicht an, etwas zu unternehmen. Bei ihm habe ich mich oft gefragt, ob er sich bewusst ist, dass er sich und seine Freunde in Lebensgefahr bringt. Dabei wirkt er auch nicht überheblich oder so, als würde er sich selbstüberschätzen. Tatsächlich ist mir Simon einfach ein blasses Rätsel geblieben, bei dem ich nicht so ganz wusste, was ich von ihm halten sollte.

Der zweite Grund ist, dass mir in dem Roman ein klarer Spannungsbogen fehlt. Im ersten Teil habe ich die ganze Zeit darauf gewartet, dass die im Klappentext angekündigte Suche endlich losgeht. Stattdessen finden sich dort Kennenlern-Szenen um Kennenlern-Szenen. Am relevantesten ist erst einmal, dass die Dörfler Maya nicht trauen. Dann kommt es endlich zu dem angekündigten Überfall und Simon entscheidet sich … und dann folgt erst eine lange Abschiedsszene, bevor es endlich losgeht. Zu dem Zeitpunkt habe ich bereits einiges nur überflogen.
Im zweiten Teil ist immerhin ein klares Ziel erkennbar, bei dem ich auch etwas mitfiebern konnte, und entsprechend auch weniger quer las. Aber selbst dort sind Schwierigkeiten im Prinzip gelöst, sobald sie auftauchen, von Konflikten keine Spur. Und die Protagonisten müssen auch nicht wirklich etwas tun, um die Probleme zu lösen. Zwischendurch hat Simon zwar Geistesblitze, aber meistens ist es doch eher der Zufall oder irgendjemand hilft ihnen.

Da das Beisiel SPOILER-Gefahr enthält müsst ihr es ausklappen, um es zu lesen.

Simons Schwester Jana, die sich heimlich mit schleicht, wird von einem Knöcherwaran gebissen und vergiftet. Die Freunde versuchen, sie zu einer Pflanze mit Gegengift zu bringen, was aber utopisch weit weg ist. Zu ihrem Glück erscheint wie aus dem Nichts eine weitere Drachin und deren Reiterin, die zufällig die Pflanze dabei haben …

Der Schreibstil von Janika Hoffmann ist im Großen und Ganzen solide. Ich musste mich zwar erst einlesen und besonders am Anfang gab es einige Stellen, die ich etwas seltsam fand (wieso braucht Simon einen ganzen Absatz, um das Brüllen des Drachen zu beschreiben?), aber das ist bekanntlich Geschmackssache. Nur sind bei der Überarbeitung doch ein paar Fehler durch- oder reingerutscht. Ein Beispiel aus Seite 25: „Jana jedoch schien gerade dadurch jedoch ihre Worte wiederzufinden.“ Solche Schnitzer sind mir vor allem anfangs aufgefallen, als ich noch aufmerksamer gelesen habe. Da kam es etwas alle paar Seiten vor, ich kann aber nicht sagen, ob das für das ganze Buch gilt.

Fazit: „Drachenkralle – Die Klaue des Morero“ hat eine ganz typische Schwarz-Weiß-Welt. Die Charaktere bleiben oberflächlich, die Geschichte ist eher langatmig und konnte mich nicht fesseln. Aber vielleicht sind Liebhaber von klassischer Fantasy, die nicht so sehr nach dem einen roten Faden suchen, mit der Geschichte besser beraten als ich.

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Südafrika

Südafrika

Südafrika gilt nicht ohne Grund als Regenbogennation, denn mit 11 Amtssprachen, Holländern, Engländern, Zulu, Suthu und Xhosa – nur um ein paar zu nennen – treffen hier die unterschiedlichsten Kulturen aufeinander. Die Vielfältigkeit findet sich auch im Wetter, das häufig schwankt, man weiß nie, was einen nun erwartet. Unter diesen Bedingungen zu arbeiten ist nicht leicht, zu planen scheint unmöglich. Doch es ist gerade die Herausforderung, Gottes Schöpfung in ihrer Vielfältigkeit zu vereinen, die die Arbeit besonders macht.

Youth for Christ – Kwa Zulu Natal hat viele Projekte. In einem dieser Projekte, Khayalethu, übersetzt: „unser Zuhause“, durfte ich von September 2009 bis März 2010 mitwirken. Es befasst sich damit, Kinder von der Straße zu holen und sie wieder in ihre Familien zu integrieren. Zwei Shelter stehen der Organisation zur Verfügung: Jungen und Mädchen dürfen hier ein Jahr lang leben, bekommen Kleidung, werden versorgt und täglich in die Schule gefahren. Die Wochenenden sollen sie bei ihren Familien verbringen. Häufige Gespräche mit diesen sind nötig, denn das Endziel ist es, den Kindern einen Neuanfang mit ihren Verwandten zu ermöglichen.

Doch die Arbeit endet nicht hier. Vor gut fünf Jahren begann die Organisation, nachzuforschen: Woher kommen die Straßenkinder? Und bald fand man die drei Townships, aus denen die meisten der Kinder geflohen waren. Neben der Straßenarbeit und der Arbeit in den Sheltern begann nun für Khayalethu eine Vorsorgearbeit in eben diesen Townships.

Auch ich durfte die meiste Zeit in einem der Townships verbringen: Site 11 war mein Arbeitsplatz. Von unserem Volontärshaus, das sich neben dem Shelter der Jungen befindet, gingen wir gegen halb neun zu dem Büro Khayalethus. Dort fing unsere Arbeit an: den Tagesablauf planen, Probleme diskutieren und nach Lösungen suchen, während uns der Chef des Teams zu unserem Township fuhr.

Besonders vormittags nahmen wir uns vieler verschiedener Aufgaben an: Wir empfingen Besucher, die uns ihre Sorgen vortrugen, gingen durch die Straßen und schauten nach Kindern, die nicht in der Schule waren, machten Hausbesuche, um mit den Eltern über gefährdete Kinder zu sprechen, oder gingen in die Schule der Kinder, wo uns die Lehrer über deren Verhalten unterrichteten. Vor dem Jahreswechsel hatten wir zudem dienstags eine Sozialarbeiterin da, die mit alkoholabhängigen Eltern über Drogen und Entzug sprach. Manchmal war es nötig, Erwachsene ins Krankenhaus zu bringen. Oder wir begleiteten Eltern und Kinder, um Geburtsurkunden und Kindergeld zu beantragen. Ab und an besorgten wir auch Essen für die Familien. Je nach dem, was notwendig war. Ansonsten galt es, das Nachmittags-Programm vorzubereiten.

Zwischen ein und drei Uhr kamen die Kinder aus der Schule zurück, die Jüngsten früher, die Älteren später. Zuerst halfen wir ihnen bei den Hausaufgaben und die Frühesten beschäftigten wir mit Spielen, bis genug da waren, um das Programm zu starten. Montags bastelten wir mit ihnen. Dienstags redeten wir über Life-Skills, zum Beispiel Zähneputzen, HIV und Aids, Richtiges Lernen, Mut, Hilfsbereitschaft und vieles mehr. Mittwochs waren Spiele angesagt. Und Donnerstag schließlich die Bibelstunde, in der wir ihnen unter anderem von der Schöpfung der Welt, Gottes Liebe, Jesus’ Tod und in vier Etappen die Joseph-Geschichte erzählten. Idealerweise waren die vier Programmpunkte durch ein wöchentliches Thema verknüpft, was allerdings nicht immer gelang. Zwei Mal die Woche bereiteten wir vormittags auch Brot für die Kinder vor, bestrichen Toast mit Marmelade oder Peanutbutter und lösten Sirup in Wasser auf, was wir den Kindern nach dem Programm aushändigten.

Zwischen vier und fünf holte unser Boss uns wieder ab. Meist war diese Autofahrt ebenfalls von einem nacharbeitenden Gespräch bestimmt. Gegen halb sechs waren wir schließlich Zuhause, die Arbeit hatten wir aber nicht zwangsläufig abgeschlossen. Immer häufiger stand abends noch eine halbe oder eine ganze Stunde Arbeit an, in denen Berichte fertig geschrieben, Dokumente der Kinder bearbeitet oder bereits das Programm des nächsten Tages vorbereitet werden mussten.

Freitags lief unser Tag anders ab, da wir nicht in unser Township fuhren. Vormittags trafen sich die Mitarbeiter des Teams „Khayalethu“ zu einem Gebetskreis, in dem die Teams mehr von der Woche der anderen erfuhren und anschließend traf sich unser Team zu einer Besprechung. Die Arbeiter der drei Townships trugen Berichte vor, die Mittwoch und Donnerstag geschrieben wurden und bei Problemen fahndete man gemeinsam nach einer Lösung. So verging der Vormittag schnell. Nachmittags war es uns frei gestellt, zu tun, was wir wollten und so suchte ich mir unterschiedliche Beschäftigungen. In der ersten Hälfte meines Aufenthalts ging ich häufig in das Mainoffice, um dort je nach Aufgabe, Berichte zu schreiben, Dankesschreiben zu frankieren oder Recherchen zu betreiben. In der zweiten Hälfte registrierten meine deutsche Kollegin und ich schnell, dass die Organisation unter schweren Geldproblemen litt. Deshalb starteten wir die Suche nach Spendern. Wir schrieben einen Bittbrief, und gingen durch die Straßen, zu größeren Geschäften, in das Einkaufszentrum und zu Tankstellen, redeten mit den Zuständigen und konnten sogar die ein oder anderen Erfolge erzielen. Gerade diese Arbeit forderte aber auch Überstunden früh am Morgen oder spät am Abend.

Einige Male durften wir außerdem die Kinder von Site 11 außerhalb unserer eigentlichen Arbeit unterstützen: Ein Schulkonzert und zwei Workshops an Wochenenden. Den ersten Workshop erlebten wir gleich nach dem wir ankamen und so waren wir nicht sehr in die Vorbereitung involviert. Den zweiten Workshop organisierten wir dafür tatkräftig mit. Mit den jüngeren Kindern studierten wir das Lied „He’s got the whole world in his hand …“ ein und die Älteren führten ein Theaterstück auf, in dem die Problematiken der Alkoholabhängigkeit, der Respektlosigkeit zwischen Eltern und Kindern und der vielen verschiedenen Sexualpartnern aufgegriffen wurden.

Die Arbeit in Südafrika war so wechselhaft wie das Wetter und so variantenreich wie die Kulturen der Nation. Zumindest eines hat es mich gelehrt: Flexibel zu sein, ist notwendig, um Menschen zu helfen. Man weiß nie, wann Probleme auftreten und häufig kommen sie geballt. Wenn man einmal Zeit hat, sollte man sie nutzen, denn wer weiß, was der nächste Tag bringt?

Wenn du mehr über meine Arbeit und meine Erfahrungen in Südafrika lesen möchtest, kannst du mir gerne einen Kommentar unter diesem Beitrag hinterlassen oder mir privat eine Nachricht über das Kontaktformular zukommen lassen.

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