Isabella Benz: Als nächstes in unserer Reihe zu den Autor/innen aus der Anthologie „Wenn alte Wellen singen – Wassergeschichte des Mittelalters“ darf ich Tina Skupin auf der Autorencouch begrüßen! Und ich steige gleich in medias res: Erzähl uns doch einmal etwas über deine Schreiberei.
Tina Skupin: Geschichten habe ich schon immer erfunden. Als Vierjährige habe ich die offizielle ärztliche Diagnose „Schlümpfe“ bekommen, nachdem meine Eltern mich zum Kinderarzt gebracht haben, weil ich mich die ganze Zeit mit Schlümpfen unterhalten habe. Es war eine große Erleichterung für alle (inklusive der Schlümpfe), als ich zwei Jahre später schreiben lernte und meine Geschichten endlich niederschreiben konnte.
Was mich zum Schreiben motiviert, sind die unerzählten Geschichten. Was passiert mit den Figuren, wenn sie um die Ecke biegen? Was passiert nach dem Schluss? Leben sie glücklich bis an ihr Lebensende? Dabei habe ich eine Schwäche für die Underdogs, die Nebenfiguren, die von den Hauptfiguren oft an den Rand gedrängt werden. Will Scarlett fand ich immer interessanter als Robin Hood.
Isabella Benz: Der Helfershelfer des Königs der Diebe, hach schön! Robin Hood gibt Du bist in deiner Geschichte durchaus auch Gesellschaftskritisch, was den Umgang mit Witwen und Verletzten anbelangt. Was muss eine gute Gesellschaft deiner Meinung nach leisten?
Tina Skupin: Eine gute Gesellschaft muss für ihre Schwächsten sorgen. Neben dem reinen Gebot der Menschlichkeit ist das auch klug für die Gesellschaft selbst, wie man ja in meiner Geschichte sieht: Die vermeintlich Schwachen haben ein riesiges Potential, einander und der Gesellschaft als Ganzes zu helfen.
In Bezug auf unsere heutige Gesellschaft bin ich da sehr optimistisch eingestellt, und denke, dass viele moderne Gesellschaften sich dieser Verantwortung bewusst sind und ihr auch weitestgehend gerecht werden. Das ist aber nur ein Grund mehr, genau zu prüfen, wo es noch Verbesserungspotential gibt, wo Leute durch das soziale Netz fallen, und diese Lücken zu stopfen. Eine Gesellschaft sollte sich daran messen lassen, wie sie mit ihren Schwächsten umgeht.
Isabella Benz: Jetzt haben wir ja schon ein bisschen etwas über den Hintergrund deiner Geschichte erfahren. Magst du uns sagen, was genau der historische Hintergrund deiner Kurzgeschichte ist?
Tina Skupin: Meine Geschichte spielt in der Wikingerzeit, im heutigen Schweden. Ich lebe selbst seit einigen Jahren in Stockholm, und mich fasziniert die Geschichte dieses Landes, vor allem die Wikingerzeit. Die Wikinger sind ja weithin als grausame Räuber bekannt gewesen, aber sie hatten eine zweite Seite, als geschickte Handwerker und kluge Händler. Dieser scheinbare Gegensatz hat mich gepackt.
Dabei wollte ich zeigen, wie nah die Personen damals uns sind – und wie fern gleichzeitig. Jaskva möchte Erfolg, sie möchte ihren Traum erfüllen, ihr eigenes Geschäft zu eröffnen. Sie liebt ihren Sohn, und sie sorgt für ihre Familie. Damit können wir uns alle identifizieren. Auf der anderen Seite ist es für sie kein Problem, einen ungeliebten Mann zu heiraten. Das sieht sie als Pflicht gegenüber ihrer Sippe an. Nur, dass der Mann ihren Sohn schlecht behandeln würde, lässt sie überhaupt zögern. Diese Art Pflichtbewusstsein ist für uns moderne Menschen nur schwer vorstellbar.
Isabella Benz: Kannst du den Autoren unter uns doch einen kleinen Tipp geben?
Tina Skupin: Fang einfach an! Schreib! Und bleib dabei! Und dann versuch dich zu verbessern. Such dir Gleichgesinnte, oder einen Kurs, oder einen Schreibratgeber. Da hat jeder seinen eigenen Weg, jeder lernt anders. Aber das Prinzip bleibt das gleiche: Fang an! Halt durch! Werde besser!
Isabella Benz: Deine Protagonistin lebt am Meer und du beschreibst das sehr eindrücklich, werfen wir einmal einen kurzen Blick darauf:

Erneut ertönte das Geräusch und im nächsten Augenblick sah Jaskva eine Bewegung. Hier am Meer lag der Nebel dicht über dem Land und sie konnte zunächst nur einen menschengroßen Umriss erkennen, der auf sie zuwankte. Oh mächtiger Thor! War dies ein Wiedergänger, der keine Ruhe in seinem Grab gefunden hatte und nun die Lebenden heimsuchte?

Wie würdest du dein persönliches Verhältnis zu Wasser beschreiben?
Tina Skupin: Wasser ist toll! Und Meer ist noch viel besser! Das Beste an Stockholm ist für mich, dass es am Meer liegt. Ich liebe Stockholms Schärengarten mit seinen hunderttausend winzigen Inseln. Es liegt eine Weite und Freiheit darin, und am liebsten möchte ich heute noch sein Boot schnappen, und von Insel zu Insel segeln.
Isabella Benz: Also, wenn du dafür mal Zeit findest, sag Bescheid! Ich bin sofort dabei 🙂 Und vielen Dank für deine ausführlichen Antworten.

Die Anthologie erscheint am 10.02. und kann bereits jetzt im Burgenweltverlag oder auf Amazon vorgestellt werden.