Im Mittelalter bot das Leben im Kloster einiges an Sicherheiten. Gerade jüngere Familienmitglieder, die nicht den Familienbesitz erben konnten, wurden häufig in Klöstern untergebracht. Doch das Leben dort war alles andere als einfach. Es war streng geregelt und wer gegen den vorgeschriebenen Tagesablauf verstieß, wurde hart bestraft. Es war definitiv kein Leben für Freigeister. Die Ich-Erzählerin der Kurzgeschichte „Träne der Novizin“, erschienen in der Anthologie „Gesänge aus Dunklen Zeiten„, kann sich mit den Zwängen des Klosters nicht anfreunden. Auf wenigen Seiten lässt die Autorin Stefanie Bender Sie deshalb ihrem tristen Alltag entfliehen – und verwischt damit die Grenzen zwischen Traum und Realität.
Isabella Benz: Frau Bender, möchten Sie uns vielleicht zu Beginn etwas über die Entstehung Ihrer Kurzgeschichte erzählen? Wie sind Sie auf die Idee gekommen?
Stefanie Bender: Den Wunsch, eine historische Geschichte über eine Novizin in einem Kloster zu schreiben, hatte ich schon sehr lange. Ich recherchierte im Internet und in Büchern über das Klosterleben der Frauen im Mittelalter. Wie es mir so oft bei mittelalterlichen Recherchen passiert, war ich schnell gefesselt und schrieb die ersten Gedanken nieder. Die ersten Notizen entstanden in der S-Bahn auf dem Weg zur Arbeit. Zu diesem Zeitpunkt war ich mir noch nicht klar darüber, was ich mit der Idee anfangen möchte. Erst als ich 2010 eine Ausschreibung mit dem Thema „Nur eine Stunde“ entdeckte, wusste ich wohin die Reise ins Kloster gehen sollte: eine Kurzgeschichte, die Historik und Phantastik verbindet.
Isabella Benz: Haben Sie dann die Kurzgeschichte bereits zu besagter Ausschreibung eingesandt?
Stefanie Bender: So ist es. Ich habe die Träne der Novizin erst einem anderen Verlag für eine Anthologieausschreibung angeboten. Zu diesem Zeitpunkt war die Geschichte noch ein klein wenig anders aufgebaut, spielte nicht auf der Fraueninsel und war ein Stück kürzer.
Isabella Benz: Sie haben demnach eine Geschichte aufgewärmt und eingesandt – mit Erfolg! In Artikel 6 der Wettbewerbsnogos hatte ich ja die Frage aufgeworfen, ob es sinnvoll ist, eine einmal abgelehnte Kurzgeschichte noch einmal anderweitig einzusenden – was waren für Sie Gründe, es mit der Story noch einmal zu versuchen? Und was sollte man Ihrer Meinung nach in jedem Fall beachten, wenn man eine Kurzgeschichte, die ursprünglich für einen anderen Wettbewerb gedacht war, noch einmal einsendet?
Stefanie Bender: Da ich leider nie eine Antwort auf die Einsendung erhalten habe, landete die Novizin in der berüchtigten „Schublade“. Ab und an fragten mich meine Testleser, was ich mit der Geschichte nun machen will, da sie viel zu schade wäre, um einfach beiseitegelegt zu werden. Doch genau das tat ich. Bis zu dem Zeitpunkt, als ich die neue Ausschreibung des Burgenweltverlages las: „Gesänge aus dunklen Zeiten“. Zuerst dachte ich mir „das ist es!“, dann bekam ich Zweifel, ob eine Mischung aus Historik und Phantastik, die mit Traum und Wirklichkeit spielt in das Konzept des Verlages passt. Zum Schluss kramte ich dann doch die Novizin wieder hervor und schrieb eine neue Version – eine bessere! Möchte man eine alte oder schon einmal abgelehnte Kurzgeschichte erneut einsenden, sollte man sich die Zeit nehmen und in die Geschichte eintauchen, als hätte man sie selbst nicht geschrieben. Sich ganz fallen lassen, sie intensiv lesen und interpretieren. Meine Erfahrungen zeigen, dass man aus Asche einen Diamanten formen kann.
Isabella Benz: Das ist wirklich eine schöne Lebensweisheit! Übrigens haben wir für die Anthologie ja ausdrücklich nach einer Mischung aus Historik und Phantastik gesucht und das Spiel mit Traum und Wirklichkeit hat uns wirklich sehr gut gefallen. Von dem her passte es wie die Faust aufs Auge! Schreiben Sie denn häufiger in diesen Genres? Und lesen Sie solche Geschichten auch gerne?
Stefanie Bender: Meine größte Leidenschaft ist die Phantastik. Egal ob es sich um Romane handelt oder um die Geschichten, die ich selbst schreibe. Ich entdeckte die Liebe zur Fantasy und auch zur Historik schon sehr früh. Der Mut, eigene historische Geschichten zu schreiben, entwickelte sich aber erst in den letzten zwei bis drei Jahren. Großen Spaß macht mir die Verknüpfung meiner beiden Lieblingsgenres. Noch habe ich im Historical-Fantasy-Bereich nicht sehr viel vorzuweisen, doch ein großes Projekt befindet sich bereits in Planung.
Isabella Benz: Mögen Sie uns über dieses „große Projekt“ denn noch etwas mehr verraten? Oder bleibt das vorerst ein Geheimnis?
Stefanie Bender: Noch gibt es zum geplanten Projekt nicht viel zu erzählen. Vorgesehen ist ein historisch-fantastischer Roman, der in Deutschland im frühen Spätmittelalter angesiedelt ist, und eine spannende sowie dramatische Familiengeschichte erzählt. Im Mittelpunkt stehen: eine schwarze Burg, ein blutrotes Erbstück und eine blaue Eule. Mehr jedoch verrate ich nicht.
Isabella Benz: Na, da sind wir aber gespannt, wie sich das Projekt weiter entwickelt.* Zum Schluss möchte Ich gerne von Ihnen erfahren: Wenn Sie eine Süßigkeit wären, was wären Sie und was sagt das über sie aus?
Stefanie Bender: So eine Frage ist mir noch nie gestellt worden. Ich denke ich bin ein Oreo Keks Wenn man ihn anschaut, sieht man nur zwei Farben: Schwarz und Weiß Und wie wir aus der Reklame wissen, sind manche noch nicht so weit ihn auf bestimmte Weise zu öffnen. Nicht jeder schafft es, in mich hineinzublicken, mich zu verstehen. Ich bin ein offenes Buch und gleichzeitig ein beständiges Mysterium. Mit mir wird es ganz gewiss nie langweilig.
Isabella Benz: Vielen Dank für diese informativen und erfrischenden Antworten!
Stefanie Bender: Auch ich sage danke für das Interview. Es hat Spaß gemacht.
Blut rauschte in meinen Ohren und schob das Summen der betenden Schwestern in weite Ferne. Martha kniete zu meiner Seite und sprach monoton die erlernten Worte des lateinischen Gebets, während ich schwieg und mich auf den Schmerz konzentrierte. Ich presste die Hände mit Gewalt ineinander in der Hoffnung, die Knochen brechen zu hören. Mit verkrüppelten Fingern würde ich keine Buchstaben schreiben und keine Abschrift anfertigen können. Obwohl … in Gedanken sah ich mich die Feder mit den Zehen führen, im Rücken den strafenden Blick einer Nonne. Ich traute ihnen alles zu – wirklich alles. So lockerte ich meinen Griff, als der Singsang verebbte.
„Die Geschichte spielt auf eine wunderbare Weise mit Traum und Wirklichkeit. Sie liest sich flott, macht Spaß, ist ausgezeichnet formuliert.“ – Michéle-Christin Jehs
Weitere Informationen über die Autorin: Homepage von Stefanie Bender