Wieder einmal singt sie in Tahirs Träumen: ein Lied aus Kristall, im Mondlicht schimmernd. Ihr Lachen perlt im Springbrunnen des Löwenhofs, und als die Wirklichkeit mit Fingern aus Morgensonne nach Tahir greift, presst er die Augen zusammen, bis es weh tut, weicht zurück in den hintersten Winkel des Traums und hört dem Silbersang zu. Ein Lichtstrahl sticht in seine Lider, durchbohrt den Traum und lässt nur Scherben und Schweigen zurück.
Diese Zeilen sind der Anfang der Kurzgeschichte „Granadas rote Sonne“, erschienen in der Anthologie “Gesänge aus Dunklen Zeiten“. Tahir lebt in Granada, als dieses belagert wird. Kann er verhindern, dass die Stadt eingenommen wird? Oder muss Granada kapitulieren?
Die Autorin hinter dieser Geschichte ist Sabrina Železný, die diesen Samstag auf der Autorencouch sitzt, um mir Rede und Antwort zu stehen.
Isabella Benz: Frau Železný, Sie haben eine Kurzgeschichte zu der Anthologie „Gesänge aus Dunklen Zeiten“ beigesteuert, mögen Sie uns vielleicht erst einmal erzählen, wie Sie auf die Ausschreibung aufmerksam geworden sind?
Sabrina Železný: Genaugenommen habe ich schon beim BuCon 2012 in Dreieich munkeln gehört, dass eine solche Ausschreibung geplant ist, und dann natürlich sehr gespannt auf den offiziellen Start und die Rahmenbedingungen gewartet. Gefunden habe ich sie dann, weil sie im Autorenforum Tintenzirkel vorgestellt wurde.
Isabella Benz: Sie sind also bereits seit längerem in der Autorenszene unterwegs und haben schon an mehreren Kurzgeschichtenausschreibungen teilgenommen. Zudem schreiben Sie neben Kurzgeschichte auch Romane. Sehen Sie denn ein verbindendes Element zwischen Ihren Projekten?
Sabrina Železný: Ja. Bei mir spielen sehr häufig lateinamerikanische und spanische Schauplätze eine Rolle, das ist in den meisten meiner Projekte ein recht deutlicher roter Faden. Der zweite Aspekt ist sicherlich meine Liebe zu den verschiedenen Mythologien. Wenn meine Geschichten in Lateinamerika spielen, verwende ich zum Beispiel häufig mythische Wesen und Ideen indigener Kulturen, aber ich interessiere mich nicht nur für dieses Gebiet. Bei den »Gesängen aus dunklen Zeiten« hatte ich auch gleich im Hinterkopf, dass sich mit dem Schauplatz des maurischen Spaniens und Wesen der arabischsprachigen Sagenwelt eine spannende Geschichte erzählen lässt.
Isabella Benz: Das ist spannend und greift meiner nächsten Frage sogar ein wenig vor. Aber was genau hat Sie denn zu Ihrer Kurzgeschichte „Granadas rote Sonne“ inspiriert? Wie sind Sie insbesondere auf die arabische Sagenwelt aufmerksam geworden?
Sabrina Železný: Ich habe als Kind »Tausendundeine Nacht« verschlungen, teilweise heimlich, weil meine Eltern sich nicht sicher waren, ob ich für die Lektüre nicht doch noch zu jung war. Seitdem hat mich diese Welt immer auch ein wenig begleitet. Aber die eigentliche Inspiration für die Kurzgeschichte ist wohl Granada selbst. Das ist eine ungeheuer faszinierende Stadt, das letzte maurische Bollwerk auf der iberischen Halbinsel, und die spanische Rückeroberung Granadas 1492 markiert ja auch einen bedeutsamen Punkt in der Geschichte: Kolumbus soll sozusagen vor den Toren Granadas die spanischen Könige für seine Suche nach dem alternativen Seeweg nach Indien gewonnen haben. Wo er stattdessen ankam, wissen wir alle. Aber auf alle Fälle konnte ich gar nicht anders, als die maurische Welt mitzudenken, wenn ich über Granada in den Tagen seiner Belagerung schreiben wollte.
Isabella Benz: Durch die „maurische Welt“ hat natürlich auch das Arabische eine Bedeutung in Ihrer Kurzgeschichte erhalten. Operieren Sie gerne mit fremden Sprachen? Wie viele Sprachen beherrschen Sie denn? Und wenn Sie für eine Kurzgeschichte eine andere Sprache nutzen, wie (intensiv) arbeiten Sie sich in diese Sprache ein?
Sabrina Železný: Ich sage immer gern, dass ich meine intensivsten Beziehungen nicht mit Männern habe, sondern mit Fremdsprachen. Tatsächlich arbeite ich gern und viel mit Sprachen. Im Falle des Arabischen hatte ich das Glück, dass ich das drei Semester lang an der Uni hatte. Was während meiner ersten Reise nach Peru übrigens dazu führte, dass ich auf einer Insel im Titicaca-See hockte, mich mit einer Einheimischen unterhalten musste, die fast nur die indigene Sprache Quechua sprach … und mir alles auf Arabisch einfiel.
Ich bin also bekennende Sprachenfanatikerin. Neben meinen Grundkenntnissen in Arabisch und Quechua spreche ich Spanisch, Französisch und Englisch und auch etwas Tschechisch. Das sind also Sprachen, die ich relativ sicher im Rahmen von Kurzgeschichten verwenden kann.
Grundsätzlich versuche ich immer, mich so gut einzuarbeiten, wie es geht. Für »Granadas rote Sonne« habe ich teilweise auch den Google-Translator bemüht, konnte aber durch meine Erinnerungen an den Sprachkurs ganz gut verifizieren, dass es stimmte, was mir das Programm vorschlug, und vor allem konnte ich die arabischen Schriftzeichen lesen, um für die Geschichte eine brauchbare Umschrift zu machen. Wenn ich bei einer fremdsprachlichen Wendung nicht sicher bin, ob die wirklich so stimmt, lasse ich sie im Zweifelsfall lieber weg.
Isabella Benz: Möchten Sie unseren Lesern zum Abschluss noch etwas Privates über sich verraten? Wenn Sie ein Obst wären, was für eine Sorte wären Sie? Und was verrät uns das über Sie?
Sabrina Železný: Ich hoffe, ich wäre eine Lúcuma – das ist eine Frucht aus Peru, die ich sehr liebe. Einfach reinbeißen sollte man nicht, aber ansonsten: angenehm im Geschmack, unglaublich vielseitig, erfrischend und passt auch gut zu Schokolade. Ich bilde mir ein, da finde ich mich wieder …
Isabella Benz: Aha, darf ich das einmal interpretieren? Man darf Sie nicht überfallen, aber wenn man sich Ihnen vorsichtig nähert, kann man sehr viele verschiedene Seiten an ihnen entdecken und Sie sind immer für ein erfrischendes Gespräch zu haben?
Sabrina Železný: So ist es, auch wenn ich zuweilen auch für Überfälle zu haben bin. Und ich hoffe auch, dass das mit der Vielseitigkeit und dem Erfrischenden sich ein Stück weit auf das übertragen lässt, was ich schreibe. Aber das können am Ende natürlich nur die Leser entscheiden.
Isabella Benz: Da haben Sie natürlich Recht. Vielen Dank für das Interview!
Sabrina Železný: Sehr gerne. Vielen Dank für die spannenden Fragen!
„Die Autorin hat unglaublich viel Talent. Ein literarisches Highlight der Ausschreibung.“ – Jana Hoffhenke
Weitere Informationen über die Autorin: Homepage von Sabrina Železný