Nein, Arthur Pendragon war kein Held.
Noch in meine letzten Augenblicke schleicht sich sein dunkler Schatten, während ich warte, dass die Nacht in ihrem Lauf den Punkt erreicht, an dem mein Zauber sich entfalten kann. Ich verschließe meine Sinne vor den Stimmen und dem Wissen, das der Wind mir zuraunt. Schon jetzt, so kurz nach seinem Ende, verbreiten Arthurs Anhänger die Kunde, er sei nicht nur der einstige, sondern auch der künftige König. Eines Tages werde er zurückkehren aus dem Land des ewigen Sommers, um erneut zu herrschen.
Doch das werde ich zu verhindern wissen.
So beginnt die Kurzgeschichte „Dunkelster Zauber“, erschienen in der Anthologie “Gesänge aus Dunklen Zeiten“, von Sabine Gothan, in der sie die Arthus-Saga in ein neues Gewand kleidet. Vermutlich wurde diese Version der Geschichte deshalb nicht weiter überliefert, weil es nicht im Geringsten dem „Mainstream“ der Zeit entsprach. Aber womöglich verrät es die Wahrheit über den „Helden“ des Mittelalters, dessen Lebensgeschichte heutzutage schon in so vielen Facetten beleuchtet wurde?
Isabella Benz: Frau Gothan, in Ihrer Kurzgeschichte „Dunkelster Zauber“ ziehen Sie den strahlenden Helden einmal gehörig durch den Dreck und nehmen ihm jeglichen Glanz. Machen Sie so etwas häufiger?
Sabine Gothan: Leider viel zu selten! Vielleicht ist diese Art zu schreiben ein Weg, zu kompensieren, dass ich im wahren Leben zu mitfühlend und rücksichtsvoll bin. Aber ich denke, es gibt darüber hinaus auch für diese Verfahrensweise drei unterschiedliche Inspirationsquellen: Einmal mache ich schon mein Leben lang die Erfahrung, dass ich Menschen häufig ganz anders wahrnehme, als dies andere Menschen zunächst tun. In der Regel stellt sich dann im Laufe der Zeit heraus, dass ich von Beginn an mit meiner Einschätzung richtig lag. Manchmal bin ich ob meiner intuitiven Menschenkenntnis schon von Kollegen verdächtigt worden, Gedanken lesen zu können. Dabei bleibt es für mich oft unverständlich, warum sich andere Menschen so leicht hinter’s Licht führen lassen.
Weiterhin haben mich schon immer die tragischen Antihelden viel mehr fasziniert als die Lichtgestalten. Erstere bergen einfach viel mehr Potenzial. Die Unverstandenen, Ungeliebten, denen etwas Zerbrochenes anhaftet, sind für mich einfach tiefgründiger, da ist etwas, woran ich leicht anknüpfen kann.
Drittens habe ich sowohl in Führungskräfteseminaren als auch im Berufsalltag gelernt, dass es in der Regel nicht das Mobbingopfer ist, das zuerst Anklage erhebt, sondern der Mobbende selbst, völlig unberechtigter Weise. Diesen Gedanken auf die Artussage zu übertragen, hat mich sehr gereizt. Von diesem Sagenkreis bin ich schon seit meiner Kindheit begeistert. Auch hatte ich schon immer großes Mitleid mit Mordred bzw. Medraut, dem ungeliebten Kind. Von dem Gedanken, er könne zumindest ein nachvollziehbares, rechtfertigendes Motiv für sein Handeln gehabt haben, bis zu der Vorstellung, alles könnte ganz anders gewesen sein, war es dann nicht mehr weit.
Isabella Benz: Aufhänger für die Kurzgeschichte war also die Figur des Mordred? Aber zum Protagonisten haben Sie ihn trotzdem nicht gemacht. Die Ich-Erzählerin ist ja eigentlich Cwyllogm, eine Frau, der in jungen Jahren die Weihe zur Priesterin verwehrt wird, obwohl sie eigentlich genug Macht hätte, um zur nächsten Herrin des Sees zu werden. Meines Wissens nach ist diese Figur nirgends sonst belegt – oder täusche ich mich da? Wie sind Sie denn auf die Idee des Charakters gekommen?
Sabine Gothan: Ich wollte, wie man so schön sagt, eigene Spuren im Sand hinterlassen und nicht ausgetretenen Pfaden folgen. Und selbst zu Mordred gibt es ja mittlerweile Literatur, die ihn durchaus differenziert sieht. Bei meinen Recherchen bin ich tatsächlich auf die Figur der Cwyllogm gestoßen. Allerdings war nicht mehr über sie herauszufinden, als dass sie eine Prinzessin von Gwyneth sowie die zweite von Mordreds drei Ehefrauen gewesen sein soll. Auch sollte Mordred der Vater von Zwillingssöhnen gewesen sein, wobei unklar blieb, von welcher Ehefrau.
Die Zwillinge erschienen mir regelrecht als ein Zeichen, denn in meiner Geschichte sollte Mordred selbst ein Zwilling sein – und die Neigung zu Zwillingsgeburten ist ja zum Teil erblich bedingt. Da nichts zu ermitteln war, konnte ich in Cwyllogm projizieren, was ich wollte. Die alten heidnischen Religionen, vor allem in der britischen Tradition, übten schon immer eine gewaltige Anziehungskraft auf mich aus. Das geht soweit, dass zwei meiner Pferde Avalon und Samhain heißen. Da lag es nahe, Cwyllogm nach Avalon zu schicken. Priesterin von Avalon wäre sozusagen mein Traumjob, denn als Verfasserin von Fantasy-Geschichten liebe ich alle Anderswelten. Leider hat mich nie eine entsprechende Stellenausschreibung erreicht ;-).
Cwyllogm war ursprünglich als negativere Protagonistin angelegt. Aber wie alle meine Figuren entwickelte sie sehr schnell ein Eigenleben und übernahm ohne mein Zutun immer mehr meiner eigenen Charakterzüge. Nur ihre Neigung zur Rachsucht ist mir selbst völlig fremd. Seltsamerweise ist mir kurz nach Fertigstellung der Geschichte beruflich etwas Ähnliches widerverfahren wie Cwyllogm in Avalon: meine eigene Kompetenz fiel mir quasi fatal auf die Füße. Glücklicherweise ist das für mich nicht so ausgegangen wie für Cwyllogm, ganz im Gegenteil. Aber diese Duplizität der Fälle finde ich doch etwas gespenstisch!
Isabella Benz: Sie arbeiten hauptberuflich als Regierungsbeamtin und Richterin, ist das richtig? Wie lässt sich denn das Schreiben mit Ihrem Beruf vereinbaren? Und würden Sie sagen, dass die „Juristensprache“ Ihre Kurzgeschichten beeinflusst? Ich hatte nun zwar bei weitem nicht das Gefühl, einen juristischen Text zu lesen, aber wie und ob sich das komplett trennen lässt, frage ich mich dennoch.
Sabine Gothan: Tatsächlich gehe ich beruflich überwiegend juristisch mit Sprache um. Da ich im Laufe meines Berufslebens immer trockenere Rechtsmaterien betreuen musste, habe ich diese längere Zeit verdächtigt, meine Kreativität austrocknen zu lassen. Zum Glück hat sich das als Irrtum herausgestellt. Ganz im Gegenteil, ich denke, dass dieselben Fähigkeiten, die ich anwende, um einen Verordnungsentwurf zu verfassen, mir auch helfen, eine Geschichte zu strukturieren und stilistisch sauber zu formulieren. Eine gewisse Neigung zu Bandwurmsätzen von Proustscher Länge, wie man sie auch in Normen häufig findet, habe ich ohnehin. Diese Marotte ist mir aber wohl angeboren und nicht berufsbedingt. Ein viel größeres Problem ist dagegen der Zeitfaktor. Ich würde mir wirklich innig wünschen, viel mehr Zeit für das Schreiben aufwenden zu können.
Isabella Benz: Das kann ich mir gut vorstellen! Wie viel Zeit investieren Sie denn in der Regel in eine Kurzgeschichte, bis Sie damit zufrieden sind? Oder ist das je nach Kurzgeschichte ganz unterschiedlich?
Sabine Gothan: Hier muss ich zunächst etwas zum Entstehungsprozess sagen: In jedem Fall ist als erstes der Titel der Geschichte plötzlich da, sogar vor der Geschichte selbst. Dann in der Regel der erste Satz, im Idealfall als nächstes der letzte. Nun muss ich herausfinden, wie ich von A nach B komme. Ich beginne ausnahmslos erst zu schreiben, wenn ich die Geschichte im Grunde fertig im Kopf habe, meist sind dann einzelne Passagen sogar schon ausformuliert. Im Fall von “Dunkelster Zauber” hatte sich die Geschichte in meinem Kopf in ein paar Tagen fertig abgespielt. Die Fantasygeschichte, die mich derzeit bewegt, spukt dagegen schon seit Monaten in meinem Kopf herum. Wieder waren erst der Titel da, und zusätzlich ein Zauberspruch in Gedichtform. Dann kamen irgendwann ein erster Schauplatz und schließlich der erste Satz. Dabei wusste ich wochenlang nicht, wer eigentlich der Protagonist sein würde, bis plötzlich ein Name auftauchte, der so bildhaft war, dass die Figur damit im Grunde abschließend definiert ist. Geschrieben habe ich aber davon noch kein Wort. Ich warte erst, wo die Reise hingeht. Überarbeitungen gehen bei mir daher sehr schnell und beschränken sich auf Tippfehler und das Ausmerzen von Wiederholungsfehlern.
Isabella Benz: Das ist ja auch bewundernswert, ich brauche für die Überarbeitung zum Teil eine halbe Ewigkeit. Als Letztes muss ich zugeben, dass ich über einen Satz in ihrer Vita gestolpert bin, und zwar über Folgenden: „Sie bremst daher auch für Fabeltiere.“ Mögen Sie dazu noch Stellung nehmen?
Sabine Gothan: Der Satz „Sie bremst daher auch für Fabeltiere“ soll ein Wortspiel sein zu dem früher allseits verbreiteten Autoaufkleber: „Ich bremse auch für Tiere.“ Ein Leben ohne Tiere wäre für mich schwer vorstellbar, und in meinen Geschichten spielen Fabelwesen einfach eine sehr große Rolle. Die fiktionale Welt eines Geschichtenerzählers steht meiner Meinung nach in einer Wechselwirkung mit seinem tatsächlichen Leben. Das sollte damit augenzwinkernd ausgedrückt werden. Ich gebe zu, dass man nicht ahnen kann, dass es gleichzeitig eine Anspielung sein soll auf Rilkes „O dieses ist das Tier, das es nicht gibt“. Wurde die Schöpferkraft der Phantasie je schöner beschrieben als in diesem Gedicht?
Mir persönlich gefallen Autorenporträts außerdem besser, wenn sie ein wenig Humor mitbringen. Sie bleiben mir dann auch besser im Gedächtnis, wenn ich erfahre, dass eine Autorin zum Beispiel verrückte alte Hüte sammelt. Das ist für mich einfach aussagekräftiger und interessanter als zu wissen, ob jemand nun zwei oder drei Kinder hat.
Isabella Benz: Nun, mich haben Sie auf jeden Fall zum Schmunzeln gebracht. Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für das Interview genommen haben und für diese erfrischenden Antworten.
„Wieder so eine Geschichte, die beim Lesen einfach begeistert. Mehr als gelungen geschrieben, die Zeilen fliegen nur so dahin, gefällt. Und die Gänsehaut am Ende war noch viel toller als alles Vorangegangene. Top! Diese Geschichte muss! In die Antho!“ – Michéle-Christin Jehs