„Die Pest (lateinisch pestis ‚Seuche‘) ist eine hochgradig ansteckende Infektionskrankheit, die durch das Bakterium Yersinia pestis ausgelöst wird. Sie ist ursprünglich eine Zoonose von Nagetieren (Murmeltiere, Ratten, Eichhörnchen), bei deren Populationen sie enzootisch sein kann.“ – Quelle: Wikipedia.
Die Krankheit, die man am meisten mit dem Mittelalter verbindet, ist die Pest. So waren wir auch froh, dass eine Kurzgeschichte darüber uns so überzeugen konnte, dass wir sie in die Anthologie “Gesänge aus Dunklen Zeiten” aufgenommen und damit ein wichtiges Ereignis ebenfalls abgedeckt haben. Die Kurzgeschichte lautet „Nur ein Hauch“ und wurde von der Autorin Sabine Frambach verfasst.
Isabella Benz: In Ihrer Kurzgeschichte wird die Pest-Thematik näher beleuchtet – auf welche Weise wird hier selbstverständlich nicht verraten – aber was hat Sie daran gereizt? Oder würden Sie bei Ihrer Kurzgeschichte eher einen anderen Schwerpunkt setzen, der Ihnen besonders wichtig war?
Sabine Frambach: Die Geschichte entstand wie der Großteil meiner Erzählungen aus einem Traumbild: Ein junges Mädchen tanzt auf einem Maskenball. Ich suche bei Geschichten selten erst ein Thema aus, sondern beginne mit solch einem Bild und webe erst dann den Unterbau. Als hochgradig ansteckende Infektionskrankheit bot sich die Pest an. Der schwarze Tod wütete durch Europa, tobte durch die Gassen der überfüllten Städte und fuhr mit den Schiffen über die Meere. Ich habe gerade gelesen, dass sich in Hamburg reiche Familien sogar Medaillen für die überstandene Pest anfertigen ließen. Auf einer dieser Medaillen ist ein Baum zu sehen, daneben steht der Sensenmann. Die Inschrift lautet: “Es ist besser beschnitten, als ganz und gar umgehauen zu werden.”
Mich persönlich reizt nicht die Seuche allein, sondern vor allen Dingen der Umgang der Menschen mit Krankheiten. Glaubten sie, eine Krankheit sei ihr Schicksal, eine Strafe, Zufall? Dachten sie, der Sensenmann streife durch die Gassen? Welche Heilmethoden waren zu dieser Zeit bekannt? Auf diesen Fragen lag mein Hauptaugenmerk bei der Recherche.
Isabella Benz: Und zu welchen Ergebnissen kamen Sie dabei? Die Pest machte ja keinen Unterschied zwischen arm und reich, aber gab es denn Unterschiede im Umgang mit dieser oder ähnlichen Krankheiten innerhalb der sozialen Schichten?
Sabine Frambach: Soweit ich nachgelesen habe, vermuteten die Menschen damals sehr verschiedene Ursachen. Manche nahmen an, dass es eine Strafe Gottes war. Bittgottesdienste und Pilgerfahrten folgten. Manche zogen durch die Städte und geißelten sich selber. Auch der Aberglaube nahm zu. Angesichts einer solchen Epidemie wurden auch die eigenartigsten Ratschläge befolgt. Öffne dein Fenster nur nach Norden oder meide die Luft über stehenden Gewässern. Dies zeigt die Hilflosigkeit der Menschen. Ärzte behandelten damals nach den Lehren der vier Körpersäfte Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle. So ließ man sie zur Ader und schwächte vermutlich den Körper noch mehr. Als Ursache für Krankheiten wurden oft Dämpfe aus der Erde oder Winde vermutet. Selbst Sternenkonstellationen vermutete man als Ursache für die Pest.
Allerdings gab es auch richtige Ideen: So sollten einlaufende Schiffe in Quarantäne (vierzig Tage). Dies verhinderte zwar, dass kranke Menschen von Bord gingen; doch die Ratten liefen über die Schiffstaue. Eine Ansteckung von Tier zu Mensch war, soweit ich weiß nicht bekannt. Der Schwarze Tod führte in einigen Gegenden zu obsessiven Feiern und Gelagen; jede Minute des kostbaren Lebens sollte genossen werden, denn es konnte schnell vorbei sein.
Sehr interessant finde ich die Frage, inwieweit sich die sozialen Schichten im Umgang mit dem Schwarzen Tod unterschieden. Auf jeden Fall hatten reichere Menschen eine höhere Überlebenschance. Sie konnten eine Pilgerfahrt antreten oder auf das Land flüchten. Die hygienischen Verhältnisse waren besser als bei den Armen. Und sie konnten einen Arzt konsultieren. Menschen der Unterschicht landeten in Lazaretten und verließen diese selten lebend. Dennoch traf es auch reiche Familien. Ein gravierender Unterschied liegt meines Erachtens darin, dass die Reichen die Ärmsten und die Außenseiter als Sündenböcke nutzten. So wurden Juden verdächtigt, die Brunnen zu vergiften und so die Epidemie ausgelöst zu haben. Es kam vielerorts zu Verfolgungen.
Ich weise noch darauf hin, dass ich keine Historikerin bin. Ich bin nur neugierig. Natürlich hoffe ich, dass mir keine großen Schnitzer beim Recherchieren passiert sind!
Isabella Benz: Diese Sorge kenne ich gut. Mir hat da mal ein Ratschlag geholfen, den ich gerne weiter geben möchte: Wir schreiben Belletristik, keine Sachbücher, und natürlich versuchen wir historisch so korrekt wie möglich zu sein, aber zum einen sind manche Themen in der Forschung selbst umstritten, und zum anderen gibt es in der Belletristik immer noch die kreativschaffende Freiheit des Schriftstellers. Werfen wir einmal einen kleinen Blick in das Werk, das Sie geschaffen haben:
Die Herrin überlegte. Die Aussicht, eine besonders schöne Frisur zu haben, lockte sie. Das Mädchen sah fremdländisch aus und kannte gewiss andere Flechten. Seidige Bänder zierten das weißblonde Haar. Sie kam aus Venedig, der Stadt feiner Stoffe und glänzendem Schmuck. Die Herrin wollte schön sein in der Nacht! »Nun gut. Komm herein. Du kannst mir helfen. Wie heißt du?«
Das Mädchen blickte wieder auf ihre Schuhe. »Nenne mich Abelina«, flüsterte sie.
Sie sind von der Perspektive her sehr weit von ihren Figuren weg. Ich wage es bei Ihnen ehrlich gesagt nicht, von Prota- und Antagonisten zu sprechen. Die Grenzen verwischen stark und beim Lesen hatte ich das Gefühl, ein eher unbeteiligter Zuschauer zu sein. Warum haben Sie sich für diese Form der Erzählung entschieden?
Sabine Frambach: Wie fast immer im Leben gibt es dafür zwei Gründe. Erstens mag ich selber als Leserin diese Perspektive. Ich werde nicht gerne in eine Identifikationsfigur gedrückt. Meist sind meine Lieblingsfiguren auch die, die mir nicht angeboten wurden; ich reise beim Lesen nicht mit dem Helden, ich fühle nicht nur mit Frodo, ich wechsele die Lieblinge, ich kämpfe mit Éowyn und leide mit Gollum. Meine eigene Vorliebe spiegelt sich natürlich auch in meinen Texten wieder. Was ich schreibe, würde ich auch selber gerne lesen.
Zweitens empfinde ich die Perspektive als passend für diese Erzählung. Es handelt sich um stilisierte Figuren, wodurch die Geschichte einen fast märchenhaften Klang erhält. Natürlich passt diese Erzählweise nicht immer. Tatsächlich musste ich kürzlich zur ungeliebten Ich – Erzählung greifen, weil eine Geschichte anders nicht funktioniert hat. In “Nur ein Hauch” existieren keine klassischen Protagonisten zum Mitleiden. Das wird nicht jedem Leser gefallen; mir gefällt es.
Sie wissen ja: Immer, wenn sich ein Autor an alle Regeln des Erzählens hält, stirbt ein Kreativtierchen. 😉
Isabella Benz: Oh, wirklich? Nein, das wusste ich noch nicht. Danke für die Aufklärung! Da werde ich in Zukunft auch darauf achten, damit die Tierchen nicht irgendwann vom Aussterben bedroht sind! Aber sie erwähnten gerade, dass Sie das schreiben, was sie selbst gerne lesen. Daran anknüpfend: Wie wichtig ist es Ihnen, dass Autoren lesen? Lesen sie selbst viel? Und würden Sie sagen, dass das Ihre Geschichten beeinflusst?
Sabine Frambach: Es ist mir nicht wichtig, dass Autoren lesen. Wenn jemand ein tolles Buch schreiben kann, ohne selber zu lesen, finde ich das bewundernswert. Ich selber habe immer viel gelesen. Das fing als Kind ganz klassisch unter der Bettdecke an und hat nie aufgehört; allerdings darf ich mittlerweile im Bett lesen, ohne das Buch verstecken zu müssen. Von Frederick über die unendliche Geschichte bis hin zu Goethes gesammelten Werken habe ich gelesen, was mir in die Finger kam. Auch heutzutage lese ich Bücher sehr unterschiedlicher Genres. Und ich denke, dass es mir hilft zu merken, welche Stilmittel bei mir funktionieren und welche nicht. Mittlerweile erwische ich mich bei einem analytischen Lesen, ich zerpflücke den Text und werfe einen Blick auf das Strickmuster. Wenn mir ein Buch gefällt, überlege ich, was mich daran anspricht und wie der Autor dies geschafft hat. Wenn mir etwas nicht gefällt, überlege ich, was mir an dem Text fehlt. Letztendlich hilft viel Lesen auch ein wenig bei der Rechtschreibung, glaube ich. Für alle Unklarheiten gibt es dann den Duden.
Inhaltlich beeinflussen gelesene Bücher mich ebenso viel oder wenig wie Filme, das Leben, Zeitungen, Spiele. Wie gesagt, die Ideen brüte ich nachts in Träumen aus.
Isabella Benz: Wobei ich denke, dass man viel träumt, was eben von Büchern, Filmen oder dem Leben beeinflusst ist. Meinen Sie nicht?
Sabine Frambach: Was sind Träume? Eine uralte Frage, denke ich. Für die einen ist es der Verarbeitungsprozess erlebter Dinge, für den nächsten Visionen, Zugänge zu einer anderen Welt. Freud glaubte, durch Träume einen Blick auf unser Unterbewusstsein zu erhaschen, nach Jung stammen archetypische Träume aus dem kollektiven Gedächtnis. Traumforschung ist ein sehr spannendes Thema, finde ich. Ich glaube nicht, dass wir darin nur unsere Erfahrungen verarbeiten. Dann hätte ich als Kind sehr seltsame Filme schauen dürfen.
Isabella Benz: Ich merke schon, da habe ich ein zu großes Fass aufgemacht. Und leider neigt sich unsere Zeit auch schon wieder dem Ende zu. Aber Ich habe dank Ihrer Vita herausgefunden, dass Sie den Bund Essay Preis gewonnen haben. Mögen Sie uns zum Abschluss noch etwas darüber erzählen?
Sabine Frambach: An den Essaypreis erinnere ich mich natürlich gerne. Das Thema lautete “Ich glaube nicht an Gott, aber ich vermisse ihn”. Es hat mich sofort angesprochen; ich schrieb einen Text darüber, was ein Atheist sagt, wenn andere Menschen “Oh, Gott!” ausrufen. Natürlich glaubte ich nicht, unter den Finalisten zu sein. Umso überraschter war ich, als ein Anruf aus der Schweiz kam. Dabei! Ich durfte meinen Text am Abend vortragen; das anwesende Publikum wählte aus den drei Finalisten nach der Lesung den Gewinner.
An dem Abend war ich sehr nervös; es war meine erste Lesung, und die Dampfzentrale in Bern war voll. Außerdem war ich absoluter Außenseiter: Aus Deutschland, die Jüngste, die einzige Autorin ohne Leseerfahrung. Aber ich habe Deutschland würdig vertreten. Am Ende gab es am meisten blaue Kärtchen, und mein persönliches Wunder von Bern war vollbracht.
Der Abend klang dann mit den anderen Teilnehmern und der Jury im Restaurant aus. Der Text wurde einige Wochen später auch im Bund abgedruckt und ist auch online zu lesen.
Isabella Benz: Das klingt wirklich sehr spannend. Herzlichen Glückwunsch noch einmal an dieser Stelle und vielen Dank für das Gespräch!
Sabine Frambach: Ich danke für die interessanten Fragen!
„Sehr schön geschriebene Geschichte, die sich gut liest, die gefällt, schöne Umsetzung des Pestthemas.“ – Michéle-Christin Jehs
Weitere Informationen über die Autorin: Homepage von Sabine Frambach