Isabella Benz: Die nächste Autorin hat mir bereits bei der letzten Anthologie einige Fragen beantwortet (nachzulesen hier) und ich freue ich sehr, sie heute auch zur Anthologie „Wenn alte Wellen singen“ befragen zu dürfen: Sabine Frambach! Herzlich Willkommen Reloaded auf der Autorencouch 😉 Verrate mir doch bitte zunächst: Was ist für dich das Wichtigste beim Schreiben?
Sabine Frambach: Das Wichtigste beim Schreiben ist die Schokolade danach.
Der Schreibtipp fürs flüssige Schreiben:
Trinke ein Glas Wasser.
Wenn das nicht reicht, atme durch, denke an einen Fluss oder an das Rauschen des Meeres. Trinke noch ein Glas Wasser.
Entweder hast du jetzt:
– A eine tolle Idee, die hervorsprudelt, oder
– B du musst dringend zur Toilette.
Bei A ist alles in Ordnung. Folge dem Fluss.
Bei B suchst du eine Toilette auf. Beginne im Anschluss danach wieder damit, ein Glas Wasser zu trinken. Wenn du nach fünf Gläsern Wasser und mehreren Besuchen auf der Toilette immer noch keine Idee hast, kannst du:
– A die Fenster putzen. Banale Tätigkeiten können sehr inspirierend sein. Oder
– B du trinkst weiter, wechselst aber von Wasser zu Alkohol. Dann hast du immer noch nichts geschrieben, aber zumindest einen schönen Abend.
Und egal, was du tust:
Bleib tapfer.
Isabella Benz: *lach* Tapferkeit ist nach Aristoteles bekanntlich eine wichtige Tugend, also sicher auch beim Schreiben hilfreich 😉 Wie bist du eigentlich zum Schreiben gekommen?
Sabine Frambach: Ich lasse jetzt bewusst den langweiligen Satz weg, dass ich gerne lese und Bücher mag. Vermutlich mögen fast alle Autoren Bücher, aber nicht alle, die Bücher mögen, schreiben selber. Schreiben ist für mich die Möglichkeit, Geschichten loszuwerden. Geschichten sind kleine Tyrannen; wenn sie dich entdecken, hängen sie sich an deine Arme oder Beine, sie zupfen an deiner Kleidung und ningeln schlimmer als ein Kind bei der Quengelware an der Kasse. Geschichten geben erst Ruhe, wenn sie aufgeschrieben sind. An mir hängen viele Geschichten, sie laufen mir zu, und ich gebe mir Mühe, einige davon auf Papier zu bannen.
Isabella Benz: Zumindest bei deiner Kurzgeschichte „Glücksbringer“ ist dir das super gelungen! Werfen wir einen kurzen Blick darauf:

Als ich geboren wurde, tauchte mein Vater mich in das Meer und nannte mich fortan Benlin, seinen kleinen Fisch. Wasser schreckte mich nicht. Meine Finger sind geschickt, mein Kopf ist wach, meine Füße sind schnell. Ich bin der beste Dieb weit und breit.

Magst du uns ein wenig von der Geschichte erzählen?
Sabine Frambach: Wir befinden uns um das Jahr 1470. In der Herrlichkeit Jever steht das Wasserschloss; es ragt stolz in den Himmel und ist auch aus der Ferne zu sehen. Jever liegt zu dieser Zeit am Wasser. Die Menschen, die hier leben, hören auf niemanden und lassen sich nichts sagen, nur dem Meer beugen sie sich. Es sind Friesen. Manche haben sich zum Christentum bekehrt, doch die alten Sitten gehören zu ihnen wie der Wind und die See.
Das raue Land gibt wenig her, die Fische sind störrisch, das Wasser so schmutzig, dass es zu Dünnbier verarbeitet getrunken wird. Wer etwas erleben möchte, wartet auf ein Schiff und sucht sein Glück in der Ferne. Dort, so heißt es, gibt es schöne Schlösser, Reichtum und wunderbare Frauen.
Die Zauberer und Hexer werden zu dieser Zeit noch nicht verfolgt. Aber auf den Straßen läuft allerhand Gesindel umher, Betrüger, Gauner, Bettler, Diebe. Diebe wie Benlin werden festgenommen, verhört und bestraft.
Mein persönliches morbides Interesse gilt diesen Strafen, den Foltermethoden und allerlei Hinrichtungsarten. Mit Blick auf das Mittelalter fällt uns die Figur des Henkers ein, das Pfählen, Streckbanken und eiserne Jungfrauen. Aber auch das Wasser bietet einige Möglichkeiten, etwa das Herablassen unter Wasser, um ein Geständnis zu erzwingen, oder auch das Untertauchen in ein Fass mit Wasser bis kurz vor dem Ertrinken. Alternativ gibt es auch das Kochen bei lebendigem Leib.
An dieser Stelle möchte ich kurz hinzufügen, dass die Methoden des Mittelalters uns heutzutage sehr grausam erscheinen. Aber jeden Tag findet auf unserer Welt Folter statt, jeden Tag werden Menschen verstümmelt, erniedrigt, verfolgt und getötet. Und auch hier finden wir etwa beim simulierten Ertränken (Waterboarding) das Element Wasser. Das Prinzip ist gleich geblieben, nur die Zeiten haben sich geändert.
In meiner Sammlung über Folter und Hinrichtungen findet sich auch einen positiven Bericht über ein überliefertes Wunder im Mittelalter.
Eine Kindsmörderin wird verurteilt; sie bekommt eine harte Strafe. In ihrer Zelle betet sie zur Muttergottes. Am nächsten Tag wird die Strafe abgemildert und sie soll nur noch sterben durch Ersäufen. Wieder betet sie in ihrer Zelle. Am nächsten Morgen wirft man sie ins Wasser, aber sie geht nicht unter; der Fluss trägt sie ans Land. Dort rufen alle, dass ein Wunder geschehen sei, und alle wollen die Frau berühren. Als die so Gerettete wieder bei Kräften ist, sagt sie aus, unter Wasser sei ihr die Muttergottes erschienen.
Dies ist die Inspirationsquelle, schon sprudelt die Geschichte.
Isabella Benz: Schön! Ich finde es immer wieder faszinierend, wie die Historie Autoren doch zu solch schönen Geschichten inspirieren kann – und btw. ich bin froh, dass die Foltermethoden an sich in deiner Geschichte keine ganz so große Rolle spielen 😉 Wie würdest du dein persönliches Verhältnis zu Wasser beschreiben?
Sabine Frambach: Früher bin ich gerne geschwommen, aber das Untertauchen klappte nicht. Ich muss gestehen, dass ich mein Seepferdchen erschwindelt habe. Den Ring, den ich aus dem Wasser holen sollte, habe ich mit dem Fuß hochgehoben.
Heute schwimme ich immer noch gerne und kann untertauchen. Meine anderen Abzeichen habe ich legal erworben.
Früher saß ich neben meiner Oma, pulte Krabben und lutschte an einem Stück Kandis. Das Meer war nicht weit, und selbst im Binnenland schmeckte die Luft danach.
Heute trinke ich 1,5 Liter Wasser am Tag. Das Meer ist weit weg, dafür gibt es einen Naturteich im Garten.
Egal, wie weit ich mich vom Meer entferne, durch meine Adern fließt Ostfriesenblut, in meinem Herzen rauscht die See, und mein Humpen ist mit friesischem Bier gefüllt.
Isabella Benz: Diebstahl war im Mittelalter gerade unter Kindern verbreitet. Magst du uns sonst noch ein paar historische Hintergründe zum Leben von Kindern im Mittelalter erzählen?
Sabine Frambach: Ich nehme an, die Kinder im Mittelalter wuchsen sehr unterschiedlich auf, abhängig von der Gegend, Stadt oder Land, Mädchen oder Junge, Stand der Eltern.
Als Beispiel stelle ich exemplarisch zwei Kinder vor.
Das Mädchen Mathild, am Hof geboren, geht ab dem siebten Lebensjahr in die Schule. Vor allen Dingen soll sie lernen zu sticken und zu nähen, später auch zu singen, zu lesen und zu schreiben. Mit zwölf könnte Mathild verheiratet werden, vielleicht mit einem Jungen oder einem älteren Mann aus einem befreundeten Haus. Mathild hat mehrere Pferdefiguren aus Ton, die sie sehr liebt. Wenn Mathild durstig ist, trinkt sie Wasser aus einem tiefen Brunnen. Wasser kann schmutzig sein; je tiefer der Brunnen, desto sicherer ist das Wasser. Manchmal trinkt Mathild auch Wein. Er ist gesüßt und mit Maulbeersirup versetzt.
Der Junge Henn wächst bei seinen Eltern auf. Sie sind Bauern, und Henn arbeitet auf dem Feld mit, seit er laufen kann. Jetzt ist er sieben Jahre alt. Er lernt, indem er zusieht, was die Erwachsenen tun. Wenn er Unsinn treibt, gibt es Schläge. Eine Schule gibt es nicht, aber wenn ein Schwein geschlachtet wird, kann er die Schweinsblase ergattern und sie als Rassel nutzen. Aus einem Knochen hat er sich ein Spielzeug gebastelt, einen Schnarrer.
Wenn Henn durstig ist, läuft er zum Bach und trinkt dort. Die Erwachsenen, das weiß Henn, trinken statt Wasser lieber sehr viel Bier. Besonders bei den Feiern im Dorf fließt Bier in Strömen. Henn wird später auf diesen Feiern tanzen und singen, ein Mädchen wählen und sie heiraten.
Ich bedanke mich für die sehr inspirierende Ausschreibung!
Isabella Benz: Und ich bedanke mich für diese tollen Antworten!

Die Anthologie erschien am 10.02. und kann beim Burgenweltverlag oder auf Amazon bestellt werden.