Isabella Benz: Hallo Petra, willkommen auf der Autorencouch! Da ich deinen Werdegang sehr spannend finde, würde ich gerne mit einer Frage starten, die erstmal nichts mit dem Schreiben und der Anthologie der Hexensteine (AmazonThalia) zu tun hat: Du bist ja nicht hauptberuflich Autorin, wenn man einen Blick auf deine Homepage wirft, findet man ganz viele Illustrationen. Magst du uns etwas Genaueres über deine Arbeit verraten?
Petra Rudolf: Hauptberuflich bin ich freischaffende Illustratorin und Gamedesignerin. Also eine von denen, die wie der arme Poet einen Schirm unters kaputte Dach klemmen.
Illustration beinhaltet vor allem Buchcover, manchmal auch Innenillustrationen, Poster, Logos, Comicseiten. Gamedesign hat nichts mit Programmierung zu tun; hier geht es um Konzeption, Spielprinzip, Story und Dialoge. Während meiner acht Jahre Festanstellung in der Gamesbranche habe ich auch Concept Art gemacht, also die erste grobe Visualisierung des Konzepts.
Nebenbei schreibe ich ab und an Artikel über Gamedesign für das Bookazine WASD.
Prosa, so sehr ich sie liebe, existiert bisher nur unveröffentlicht, weil ich nichts Unfertiges einsenden möchte. Vom Schreiben leben können ist dennoch einer dieser Träume, vor denen der Schweinehund steht und wartet, dass ich ihn in den Hintern trete.
Isabella Benz: Das sind ja nun alles „künstlerische“ Berufe – beeinflusst sich das gegenseitig?
Petra Rudolf: Das beeinflusst sich auf jeden Fall. Es geht grundsätzlich immer darum, Interesse zu wecken und zu fesseln, egal ob ich zeichne, schreibe, oder an einem Spiel arbeite. Die unterschiedlichen Ziele und Arbeitsweisen geben vieles für die jeweils anderen Bereiche her.
Eine Illustration impliziert eine Geschichte, Prosa ist fürs Kopfkino. Game Writing liegt mitten dazwischen, denn hier spielt mit hinein, was man tatsächlich im Spiel sehen wird. Ein Spiel bedeutet viel Planung und Teamarbeit; intuitiv drauflos schreiben wie am eigenen Roman geht nicht. Zum Beispiel habe ich schnell gelernt, Charaktere in Spielen ähnlich intuitiv anzugehen und muss sie dadurch nicht künstlich konstruieren, und die Planungsarbeit hat meine private Schreiberei deutlich verbessert. Meine Malerei hat vom Schreiben her mitgenommen, dass die beste realistische Darstellung nichts bringt, wenn sie langweilig ist, und meine Prosatexte haben von der Malerei eine Menge Stimmungsaufbau und Dynamik. Das Prinzip der Implikation und das Lenken von Aufmerksamkeit eines Betrachters oder Lesers ist bei beiden dasselbe.
Isabella Benz: An der Stelle können wir ja einen kurzen Ausschnitt aus deiner Hexenstein-Geschichte heranziehen:

„Verzeiht meine Neugier; gestern haben ein paar Fuhrleute von einem Einbrecher erzählt, der soll ein Meister seiner Kunst sein und sogar einem Bischof die Schatulle geplündert haben. Der Teufel hilft ihm, sagt man sich, und damit dieser Meisterdieb ohne ihn nicht mehr zurechtkommt, habe der Leibhaftige dem armen Hund eine Hand abgerissen.“

Wie kam dir eigentlich die Idee für diese Kurzgeschichte?
Petra Rudolf: Vor einer Eisdiele in Weißenburg steht ein Stein, auf dem sich Kerben davon befinden, dass dort angeblich Leibesstrafen wie das Abhacken von Schwurfingern bei Eidbrüchigen vollzogen wurden. Mein Eisbecher stand dort, wo Martins frevlerische Hand endete. 🙂
Kurz zuvor hatte ich von der geplanten Anthologie erfahren. Weil ich ohnehin gerade hinter allem her war, was mit frühneuzeitlicher Rechtsprechung und Hexenglaube zu tun hat, habe ich recherchiert und herausgefunden, dass in Weißenburg Hexenverfolgung gar nicht hoch im Kurs stand; in Eichstätt sah es anders aus. Und wer wäre besser geeignet, um sich mit Hexenwerk herumzuschlagen, als ein Klosterschüler?
Isabella Benz: Nun, er hat zumindest besondere Probleme damit *gg* Sagmal, du arbeitest ja mit zwei Zeitebenen und springst zwischen diesen beiden. Warum hast du dich denn für diese Form entschieden?
Petra Rudolf: Ich mag Braiding, Wechselspiele zwischen Perspektiven und auch Zeiten, und wollte damit experimentieren. Anfänglich gab es die Rahmenhandlung des Meisterdiebs gar nicht. Martins Geschichte begann direkt im Kloster; das wollte so gar nicht funktionieren. Die meisten Zeitsprünge wären zu groß und zu unmotiviert gewesen. Also kam Aellin ins Spiel, die mit ihrer Neugier die in sich geschlossenen Episoden verbindet und dadurch, wie Martin sie im Vergleich zu Elisabeth sieht, seine Veränderung auf möglichst wenig Raum widerspiegelt.
Isabella Benz: Das ist dir meiner Meinung nach auch sehr gut gelungen. Darf ich abschließend von dir erfahren: Was ist eigentlich dein Lieblingsbuch?
Petra Rudolf: Ich habe keins mehr.
Anscheinend geht es allen Autoren irgendwann so, dass sie gewisse Ansprüche an ihre Lektüre haben, und gerade bei historischen Romanen bin ich sicher eine unerträglich pingelige Leserin. 🙂
Aus demselben Grund kann ich mich nicht mehr für ein Buch entscheiden. Sie haben alle ihre Macken, und ich mag sie gerade darum.
Unter meinen Jugendbüchern war es die Jugendfantasy-Romane Song of the Lioness (Alanna) von Tamora Pierce, und ein historischer Tagebuchroman: Catherine, called Birdy (Catherine, Lady wider Willen) von Karen Cushman. Beide stehen immer noch in meinem Regal.
Wenn ich nur wenige Bücher mit auf eine einsame Insel nehmen dürfte (nur eins? Keine Chance!), dann wären darunter: Der Letzte Wunsch von Andrzej Sapkowski, Company of Liars von Karen Maitland, und The Pale Horseman von Bernard Cornwell.
Isabella Benz: Wow, das ist ja eine beachtliche Liste, gut für all diejenigen unserer Leser, die noch nach Lektüre suchen. Vielen Dank, auch für das Interview insgesamt!
Weitere Informationen über Petra Rudolf und ihre Werke finden sich übrigens auf ihrer Homepage und/oder auf ihrem Blog.