So lauscht
ihr Leut
der Moritat,
die in der Welt der Geister,
dereinst sich zugetragen hat.
Genau 748 Tage nach seinem Tod verfasst Ulrich von Zatzikhoven* diese Zeilen. Er schreibt sie in der Geisterwelt auf Pergament. Das entsteht nämlich, sobald in der echten Welt ein Blatt Papier zerknüllt wird. Die Verse und die dazu gehörige Kurzgeschichte werden unter dem Titel „Das Werschwert“ in der Anthologie „Gesänge aus Dunklen Zeiten“ erscheinen. Michael Vogl hat sie aus dem Jenseits zu uns herübergetragen – ob er dafür wohl Kontakt zu den Geistern aufnehmen musste? Oder hat Ulrich seine ursprüngliche Geschichte nicht gefallen und weil er sei zerknüllt hat, ist sie Jahrhunderte später auf Herrn Vogls Arbeitsplatz erschienen? Nun, ich fürchte, das wird leider ein Geheimnis bleiben, das Herr Vogl mit ins Grab, pardon, die Geisterwelt nehmen wird. Deshalb gehen wir nun erst einmal davon aus, dass nicht Ulrich von Zatzikhoven, sondern Michael Vogl der Autor dieses Werkes ist. Heute darf ich ihn auf der Autorencouch begrüßen.
Isabella Benz: Herr Vogl, ein Werschwert, das bei einer Mondfinsternis für Geister gefährlich werden kann – wie kamen Sie auf eine solche Idee?
Michael Vogl: Meine Wenigkeit war bei einem Tintenzirkeltreffen in Hannover. Dort haben die Forenmitglieder “Sanne”, “Rhi” und ich ein Brainstorming zum Thema “Gesänge aus dunklen Zeiten” gemacht. Nach einigen Gedankenhüpfern kam ich auf das Schwert, auf die Geisterwelt und darauf, dass es sich bei Dunkelheit in ein Werschwert verwandelt.
Isabella Benz: Tintenzirkeltreffen? Forenmitglieder? Ich glaube, das müssen Sie etwas genauer erklären!
Michael Vogl: Der Tintenzirkel ist eine Community für Fantasyautoren, die im Internet ihr Zuhause hat. In diesem tollen Forum tummeln sich Fantasyautoren verschiedener Coleur. Jung und Alt treffen genauso aufeinander wie auch Profi und Amateur. Alle Mitglieder verbindet die Liebe zum Schreiben, insbesondere zum Schreiben fantastischer Geschichten. Hin und wieder treffen sich die “Zirkler” (wie sie liebevoll genannt werden) auch mal außerhalb des WWW.
Isabella Benz: Danke für Ihre Erläuterung. Aber mich interessiert nun auch noch etwas genauer: Wissen Sie noch, was für Gedankenhüpfer das vorab waren. Die Idee ist ja doch ziemlich skurril – wie „hüpft“ man dorthin? Bzw. Wie sind Sie denn dorthin gehüpft?
Michael Vogl: Oh je. So genau weiß ich das leider gar nicht mehr. Ich weiß nur, dass “Rhi” etwas mit Musik hatte und “Sanne” etwas mit Keller und Einsamkeit. Irgendwie und irgendwann war es plötzlich da. Meine Gedankengänge sind da leider (?) immer etwas verquer. Aber andererseits ist das für Fantasy eine positive Eigenschaft
Isabella Benz: Und ich würde das auch eher als spontane und lohnenswerte Eingebung bezeichnen. Vielleicht hat es Ihnen ja doch Ulrich aus der Geisterwelt zugerufen?
Michael Vogl: Möglich. Und ich dachte schon, ich bilde mir die Stimmen nur ein …
Isabella Benz: Ihre Kurzgeschichte hat ja nicht nur ein ungewöhnliches Motiv, sondern auch eine ganz ungewöhnliche Darstellungsweise. Sie arbeiten mit Fußnoten, die in Ihrem Fall nicht überlesen werden dürfen! Wie kam es dazu?
Michael Vogl: Ich war schon immer ein Freund von Fußnoten. Ich mochte und verwendete sie schon, bevor ich mit den Romanen von Pratchett in Berührung kam. Für mich sind Fußnoten DIE Idee, etwas Zusätzliches zur Erklärung zu schreiben, was aber nicht in den eigentlichen Text passt, da es den Lesefluss stört. Das erste Mal habe ich sie entdeckt – so ich mich nicht vertue – in den Bildergeschichten um Nick Knatterton.
Isabella Benz: Nick Kantterton? Klären Sie mich bitte auf, ich gestehe, der Name sagt mir leider nichts …
Michael Vogl: Nick Knatterton war in den Nachkriegsjahren eine Zeichnung eines Detektivs, der so ziemlich alles auf die Schippe genommen hat. Besonders seine Anspielungen auf die damalige Politik waren gern gesehen. Er konnte sich immer sehr gut verkleiden und hatte mehr oder minder immer den richtigen Riecher. Sein Lieblingssatz: “Kombiniere”. Ich kann Freunden des gepflegten Humors empfehlen, sich mal die eine oder andere “Kriminalgeschichte” durchzulesen. Es ist einfach schön, wie er aus den Schlamasseln herauskommt und dabei trotzdem ganz alte Schule ist.
Isabella Benz: Das klingt auf jeden Fall interessant, wenn ich auch gestehen muss, dass „Nachkriegsjahre“ lange vor meiner Zeit ist. Etwas anderes: Sie hatten mir anderweitig bereits verraten, dass dies Ihre erste Veröffentlichung ist – möchten Sie unseren Lesern vielleicht beschreiben, wie sich dabei gefühlt haben, als Sie die Zusage bekamen, bzw. wie sich das für sie anfühlt?
Michael Vogl: Auch vor meiner, Frau Benz, auch vor meiner. Tja, was war das für ein Gefühl? Das lässt sich schwierig beschreiben. Auf der einen Seite ist da ein wenig Unglaube. Ich habe die Mail von Frau Hoffhenke dreimal gelesen und mir jedesmal die Augen gerieben, weil ich nicht so richtig realisiert habe, dass meine Geschichte eine von den 15 ausgewählten ist. Dann aber überfällt einen doch ein großer Anflug von Freude und Euphorie. Ich habe es zwar nicht gesehen, glaube aber, ich habe gestrahlt wie ein Honigkuchenpferd und war glücklich.
Isabella Benz: Ja, das liebe Augenreiben und Blinzeln, das kenne ich auch nur zu gut! Arbeiten Sie momentan denn noch an weiteren Projekten?
Michael Vogl: Ja. Zumindest versuche ich es. Derzeit sind wenigstens 4 weitere Projekte in Planung. Dabei liegt mein derzeitiges Herzblut auf eine skurrile Krimiparodie auf berühmte Literaturdetektive. Dann ist noch eine Geschichte dran, die sich eher an Kinder richtet. In dieser niest ein Teufel versehentlich das Höllenfeuer aus. Und da er der einzige ist, der das Feuerzeug zum Wiederanzünden hat, wird er gejagt. Des Weiteren ist geplant eine ebenfalls skurrile Komödie, in der ein Detektiv im Himmel einen Mord aufklären muss, der ihn jedoch direkt in die Hölle führt. Und last but not least ist eine Geschichte geplant, die den Untergang der Welt, wie wir sie kennen bedeutet – durch eine Horde lebendig gewordener Plastikbecher. Das sind allerdings nur meine derzeitigen Schreibprojekte. Ich lerne nebenher webdesign, um eine Webseite für Schülerhilfen auf die Beine zu stellen.
Isabella Benz: Machen Sie das Webdesign hauptberuflich?
Michael Vogl: Nein. Hauptberuflich arbeite ich als Verkäufer in einem Geschäft für Spielwaren. Dort ist mein Fachgebiet Brett- und Gesellschaftsspiele und Bücher. Ich versuche aber, eine andere Richtung einzuschlagen; einer meiner Träume ist es, als Radiojournalist und Hörfunkmoderator zu arbeiten.
Isabella Benz: Träume sind meiner Meinung nach da, um gelebt zu werden. Ich drücke Ihnen auf jeden Fall die Daumen, dass es mit der Schreiberei und dem Rundfunk gut weiter geht.
Damit sind wir aber auch schon am Ende des heutigen Interviews. Herzlichen Dank, dass Sie sich die Zeit hierfür genommen haben!
Michael Vogl: Gerne. Und danke fürs Daumendrücken.
„Die Geschichte hat meinen Humor voll getroffen und würde eine gute Abwechslung zu den restlichen Geschichten bilden.“ – Isabella Benz
* Ulrich von Zatzikhoven war der Verfasser eines mittelhochdeutschen Artusroman und natürlich schweigt seine Feder auch nicht nach seinem Tod.