Michael Edelbrock bildet mit seiner Kurzgeschichte „Fackelträger“ den Abschluss in der Anthologie „Gesänge aus Dunklen Zeiten“. An einem Septemberabend 1494 erzählt ein alter Mann einigen Kindern eine Geschichte, die sich im Jahr 500 abspielt. Damit schlägt die Story einen Bogen um alle anderen Kurzgeschichten.
Isabella Benz: Herr Edelbrock, laut ihrer Kurzvita sind Sie durch Rollenspiele zum Schreiben gekommen. Ich kenne das auch von einigen anderen Autorenkollegen, muss aber ehrlich zugeben, dass ich mich selbst nie für Rollenspiele begeistern konnte. Deshalb interessiert mich natürlich zum einen, was Sie für Rollenspiele spielen, und zum anderen, was Sie daran fasziniert? Und warum, denken Sie, betätigen sich so viele Rollenspieler früher oder später als Schriftsteller?
Michael Edelbrock: Das waren eine ganze Menge Rollenspiele, die Liste ist ziemlich lang. Sie reicht von den klassischen Fantasy-Rollenspielen wie „Das Schwarze Auge“ über die Science-Fiction-Ecke mit „Cyberpunk“ und „Shadowrun“ bis in die Horror-Ecke. Dort tummeln sich dann Rollenspiele wie „Call of Cthulhu“ und der riesige Bereich der „World of Darkness“ mit „Vampire“, „Werewolf“, „Mage“ und so weiter. Am längsten hängengeblieben bin ich aber am Anfang bei „Das Schwarze Auge“ und später dann bei „Vampire“. Rollenspielen kann ein ziemlich anspruchsvoller Zeitvertreib sein, bei dem man einiges über sich selbst und die Welt erfährt. Da war es schon schade, dass meine Rollenspielgruppen nach und nach alle zerfallen sind. Ich wollte mich aber unbedingt weiter mit der Phantastik, mit Charakteren und spannenden Geschichten beschäftigen, wollte kreativ sein. Da war Schriftstellerei natürlich naheliegend. Tatsächlich habe ich die Lehrbücher über Schriftstellerei durchgeblättert und gemerkt, dass vieles für langjährige Rollenspieler ein alter Hut ist. Rollenspielen ist pures Geschichtenerzählen, es hat genau dieselben Effekte und Mechanismen. Deshalb landen wohl auch manche Rollenspieler bei der Schriftstellerei.
Isabella Benz: Dann haben Sie durch das Rollenspielen also vorab einiges über das Schreiben lernen können, was Ihnen den Einstieg sicherlich erleichtert hat. Vielleicht mögen wir jetzt erst einmal einen Blick auf Ihre Geschichte werfen:
Die Kinder fielen wie Wölfe über ihn her. Ein paar strömten von jenseits der Planwagen herbei, wo die Feuer ihrer Eltern knisterten. Andere krochen unter den Planen hervor, als hätten sie auf der Lauer gelegen. Schließlich war eine stattliche Meute um das einsame Feuer versammelt.
Sie wurde beobachtet. Ein junger Mann mit tückischen Augen ließ sich betont desinteressiert am Rand des Planwagenrings nieder. Mit seinem Messer setzte er eine begonnene Schnitzarbeit fort.
»Es ist die Geschichte eines Jungen namens Rouven«, begann der Einäugige mit rauer aber freundlicher Stimme.
Ihr Protagonist sitzt am Lagerfeuer und erzählt den Kindern eine spannende Geschichte, von der weder die Kinder noch wir Herausgeber uns lösen konnten. Waren Sie schon einmal in einer Situation, in denen sie Kindern aus dem Ärmel eine Geschichte erzählen mussten?
Michael Edelbrock: Das musste ich zum Glück noch nie. Die Kinder in meiner Geschichte sind nicht von ungefähr so kritische Zuhörer. Hinzu kommt, dass ich meine Geschichten akribisch plane. Spontanes Erzählen oder auch spontanes Schreiben habe ich noch nie ausprobiert. Es soll ja mal jemand gesagt haben: „Woher soll ich wissen, wie meine Geschichte endet, bevor ich sie geschrieben habe?“ Da bin ich ganz anders.
Isabella Benz: Sie sind bislang eher im Phantastischen und Science Fiction Bereich tätig geworden. Aber bei unserer Ausschreibung war es ja auch wichtig, historisch aktiv zu werden. War das für Sie Neuland? Oder sind Sie bereits früher damit in Verbindung gekommen?
Michael Edelbrock: Die mittelalterliche Stimmung kannte ich bereits von Fantasy-Rollenspielen wie Das Schwarze Auge. Aber das allein genügte ja nicht. Damit die Geschichte authentischer wurde, musste ich natürlich einige Fakten nachlesen. Das habe ich auch bei anderen Projekten schon für Zeitepochen vom alten Rom bis zum 19. Jahrhundert machen müssen. Manchmal wünsche ich mir dann, dass ich Geschichte studiert hätte. Das würde es natürlich viel einfacher machen.
Isabella Benz: Oh, da wäre ich mir nicht so sicher. Nach einem Geschichtsstudium ist man sicher noch penibler und versucht, alles perfekt zu machen. Es fällt schwerer, einfach zu schreiben und es zu akzeptieren, dass man nicht immer alles wissen kann. Aber lassen Sie uns einmal vom Schreiben weggehen: Wenn Sie drei Eigenschaften von sich nennen müssten, welche wären das?
Michael Edelbrock: Zum Schreiben gehört ja furchtbar viel Disziplin. Wenn ich keine hätte, könnte ich mich kaum nach der Arbeit und am Wochenende hinsetzen und etwas machen, das die meisten anderen als Arbeit bezeichnen würden. Und Kreativität?! Ja, Kreativität ist natürlich auch mit dabei. Sonst wäre ich wohl weder beim Rollenspiel noch beim Schreiben gelandet. Tja, und jetzt fallen mir nur noch negative Eigenschaften ein. Lassen wir es also besser mal bei zwei bewenden.
Isabella Benz: Zuletzt – arbeiten Sie noch an weiteren Projekten?
Michael Edelbrock: Ah, das ist immer der beste Weg, um meine Augen zum Leuchten zu bringen. Ich hatte da diese Idee von einem gealterten Kämpfer, der aller Verantwortung überdrüssig ist und dem doch eine schwere Last auf die Schultern gelegt wird. Eine Last, die ihn hinaustreibt in eine uralte Welt voller zerbröckelnder Ruinen, regiert von übernatürlicher Erleuchtung, die aus den Seelen der Mächtigen strömt. Wenn ich so schwärme, ist es natürlich nicht bei einer Idee geblieben. Inzwischen ist der dritte Teil der Trilogie geschrieben und nach einer letzten Überarbeitung werde ich mich um eine Veröffentlichung bemühen.
Isabella Benz: Haben Sie schon irgendwelchen genaueren Pläne, wie/wo Sie Ihre Trilogie veröffentlichen möchten?
Michael Edelbrock: Für das „Wie“ und „Wo“ habe ich natürlich viele Hoffnungen und Träume. Aber noch nichts Konkretes.
Isabella Benz: Da drücken wir Ihnen aber in jedem Fall die Daumen. Und auch Ihnen einen herzlichen Dank für das Interview!
„Obwohl die Geschichte nacherzählt wird, ist sie sowohl spannend, als auch originell.“ – Isabella Benz