Isabella Benz: Kathrin Pohl hat eine besonders düstere Geschichte für die Anthologie „Wenn alte Wellen singen“ verfasst. Die Stimmung der Geschichte klingt bereits in den ersten paar Sätzen deutlich an:

Still ruht der Fluss. So sagten die Leute. Agnisa wusste es besser. Denn sie konnte das Flüstern des Wassers verstehen. Vom Werden und Entstehen erzählten die winzig kleinen Wellen, die sich um ihre Finger sammelten, von Hoffnung, von Liebe – und vom Tod.

Liebe Kathrin, erzähl uns bitte ein bisschen etwas über deine Kurzgeschichte. Was hat dich zu dieser Geschichte inspiriert?
Kathrin Pohl: Tatsächlich war es bei mir der Handlungsort und nicht der historische Hintergrund, der als erstes feststand. Der Spreewald ist eine verwunschene Gegend, ein Ort jenseits aller Zeit, durch den sich das Wasser gleich einer pulsierenden Lebensader zieht. An diesem Ort musste einfach meine Geschichte spielen.
Das fünfzehnte Jahrhundert ist im Spreewald eine spannende Zeit. Deutsche und Sorben lebten zwar schon länger zusammen, nun jedoch stagnierte die wirtschaftliche Entwicklung, wodurch aus Nachbarn plötzlich Konkurrenten wurden. Die fragilen Beziehungen zwischen Sorben und Deutschen drohten aus dem Gleichgewicht zu geraten. Meine Geschichte in dieser Zeit anzusiedeln, bot viel Raum für Konfliktpotential. Wie weit darf man gehen, um den Tod seines Kindes zu rächen? Oder anders gefragt: Darf das Fortbestehen einer Gemeinschaft tatsächlich Vorrang vor der Suche nach Gerechtigkeit haben?
Isabella Benz: Du schreibst ja aus der Sicht einer Mutter, die ihr Kind verloren hat. Wie war es für dich, diese Perspektive einzunehmen?
Kathrin Pohl: Ich bin selbst Mutter, von daher fiel es mir erstaunlich leicht, diese Perspektive einzunehmen. Es gab diesen Moment, kurz nachdem meine Tochter geboren wurde und ich sie das erste Mal im Arm hielt. In diesem Augenblick wusste ich, dass ich jederzeit mein Leben geben würde, wenn ich ihres damit retten könnte. Das klingt absolut kitschig, aber diese bedingungslose Liebe zwischen Mutter und Kind ist einfach mit nichts zu vergleichen. Deshalb gibt es für eine Mutter nichts Schlimmeres, als ihr Kind zu verlieren. Und jedes Mal, wenn meine Tochter nur etwas später aus der Schule kommt, klopft mein Herz schneller, auch wenn mein Verstand gelassen bleibt.
Glücklicherweise habe ich bisher nur davon geträumt, mein Kind zu verlieren. Im Traum überquerten wir eine Brücke, meine große Tochter machte irgendeinen Blödsinn, ich schimpfte mit ihr, drehte mich zu der kleinen um, und sah gerade noch, wie diese auf der Brüstung saß, mir zuwinkte und dann hinein ins Wasser stürzte. Träume können furchtbar sein. Für eine Autorin sind sie jedoch auch Quelle der Inspiration. Denn in diesem Augenblick habe ich all die schwarzen Gefühle durchlebt, die eine Mutter überfluten, wenn sie ihr Kind verliert – und konnte diese nun in meine Geschichte einfließen lassen.
Isabella Benz: Wow, das klingt, als ob du wirklich ganz in deiner Protagonistin versunken bist. Ist das für dich auch das Wichtigste beim Schreiben?
Kathrin Pohl: Es gibt so vieles, was beim Schreiben für mich wichtig ist, dass es mir schwer fällt, ein einziges herauszugreifen. Vielleicht ist es für mich am Wichtigsten, dass man sich wirklich Zeit für die Figurengestaltung nimmt. Immerhin verbringt man die nächsten Monate mit ihnen. Da sollten sie einem zumindest sympathisch sein – oder einen faszinieren. Antagonisten sind selten sympathisch, dennoch macht es manchmal mehr Spaß sie zu schreiben als die edlen Protagonisten. Das ist auch mein Tipp für Schreibbegeisterte. Nehmt euch Zeit für eure Figuren. Gestaltet sie mit Ecken und Kanten, quält sie, lasst sie leiden, gebt ihnen eine Hintergrundgeschichte, lasst sie sich entwickeln und zu Personen werden, die jeder gerne kennenlernen würde. Das muss noch nicht bei der 1. Fassung perfekt sein. Wozu gibt es schließlich eine zweite Fassung, und eine dritte, und eine vierte…
Isabella Benz: Hinter dieser Aussage scheint einiges an Erfahrung zu stecken. Seit wann schreibst du eigentlich?
Kathrin Pohl: Schreiben tue ich, seit ich denken kann. Schon immer waren diese Geschichten in meinem Kopf, Filme, die ich weiterleben wollte, Bücher, von denen ich glaubte, ich könne sie besser schreiben, als der Autor. Ja, als Kind ist man noch ein wenig größenwahnsinnig. Meine ersten Ergüsse waren eine Karl-May-Fanfiction und ein Entdeckungsbericht, den wir im Kunstunterricht anfertigen sollten, mit der Vorgabe, ein wenig Text zu vielen Bildern zu schreiben. Ich kehrte das Verhältnis ein klitzekleines Bisschen um, und schenkte das 100-Seiten-Werk meiner gesamten Familie zu Weihnachten. Netterweise freuten sie sich darüber.
Immer noch spuken Geschichten in meinem Kopf herum und wollen aufgeschrieben werden. Und es ist ein unglaubliches Gefühl, wenn diese Geschichten meinen Kopf verlassen und als Wörter aufs Papier fließen, um wieder und wieder überarbeitet zu werden, bis am Schluss ein fertiges Manuskript entstanden ist, das so viel mehr ist, als ich mir zuvor erträumt habe.
Isabella Benz: Zum Abschluss würde ich dir gerne noch die Frage der Fragen für diese Anthologie stellen: Wie stehst du persönlich zu Wasser?
Kathrin Pohl: Wasser übt auf mich eine besondere Faszination aus. Es ist so vielseitig. Dunkel und geheimnisvoll, wild und ruhig zugleich, und die lauteste Form der Stille in dieser Welt. Als Kind bin ich jedes Jahr im Sommer nach Spanien gefahren. Dort am Strand zu liegen und das Rauschen der Wellen zu hören, neben dem alle anderen Geräusche zu bedeutungslosem Gemurmel vergingen – das war für mich Entspannung in Reinform. Hinauszuschwimmen jedoch hat mir Angst gemacht. Weil ich nie wusste, was unter der Oberfläche lauert.
Isabella Benz: Ich muss zugeben, ich finde diese Angst ist durchaus positiv in deine Kurzgeschichte eingeflossen, diese Ambivalenz, die du hier beschreibst, finde ich super gut spürbar. Vielen Dank für deine offenen und ehrlichen Worte!

Die Anthologie erschien am 10.02. und kann beim Burgenweltverlag oder auf Amazon bestellt werden.