Isabella Benz: Heute dürfen wir Julia Annina Jorges auf der Autorencouch begrüßen, Herzlich Willkommen! Sie hat in der Anthologie „Wenn alte Wellen singen“ eine Kurzgeschichte über den bekanntesten der Staufer veröffentlicht – aber zum Historischen Hintergrund. Zunächst einmal die bewährte Einstiegsfrage: Wie bist du zum Schreiben gekommen?
Julia Annina Jorges: Meine erste Kurzgeschichte habe ich mit elf geschrieben, eine typische Mädchen-Pferde-Abenteuer-Story, allerdings mit Gespenstern und tragischem Ausgang – schon damals mochte ich es düster und dramatisch. Es folgten zwei etwas längere Geschichten, beides Mischungen aus Krimi und Mystery.
Leider bin ich dann vom Schreiben abgekommen, weil andere Interessen und Dinge wie Abitur und Berufswahl wichtiger wurden. Erst während meines späteren Studiums habe ich wieder geschrieben, und auch wenn das Verfassen wissenschaftlicher Texte sich stark vom kreativen Schreiben unterscheidet, hat es mir Spaß gemacht. Noch viel später – inzwischen hatte ich eine Umschulung hinter mir, geheiratet und das Glück erlebt, zweimal Mutter zu werden – entschied ich mich, zunächst aus Gründen der freieren Zeiteinteilung, meiner Familie ein Zubrot als Auftragstexterin zu verdienen. Obwohl die Bezahlung alles andere als üppig war, hat mir diese Tätigkeit viel gebracht, weil ich in Sachen neuer Rechtschreibung und Interpunktion viel hinzulernen konnte.
Zum erzählenden Schreiben bin ich erst im Herbst 2013 zurückgekehrt, als ich eher zufällig auf die Ausschreibung „Verbotene Bücher – Auf den Spuren H. P. Lovecrafts 3“ des Verlags Torsten Low gestoßen bin, die noch knapp vier Wochen lief. Da ich dem Lovecraft-Kosmos seit rund dreißig Jahren verfallen bin, dachte ich, es könnte Spaß machen, sich selbst an einer diesbezüglich inspirierten Geschichte zu versuchen. Mit „Samhain“ habe ich zu meinem Erstaunen anscheinend den Geschmack der Herausgeber getroffen – dass es veröffentlicht wird, habe ich allerdings erst im Frühjahr 2015 erfahren. Zu dieser Zeit war meine erste überhaupt veröffentlichte Geschichte „Der Löwe“ bereits im Burgenwelt Verlag erschienen, im Rahmen der Anthologie „Auf finsteren Pfaden“. Spätestens damit hatte ich Blut geleckt, beteiligte mich an diversen Ausschreibungen im Genre Horror/Phantastik und konnte einige Kurzgeschichten in verschiedenen Verlagsanthologien unterbringen, die 2016 erscheinen werden. Diese Bestätigung motiviert mich ungemein, ohne sie hätte ich das Schreiben früher oder später wohl aufgegeben. Gegenwärtig habe ich weniger Zeit für Literaturwettbewerbe, weil ich an einer Geschichte arbeite, die – so hoffe ich – mein Debütroman wird …
Isabella Benz: Dann wünsche ich dir viel Erfolg dafür! Was ist dir denn beim Schreiben wichtig? Und hättest du einen Tipp für die Leserinnen und Leser?
Julia Annina Jorges: Ruhe und nie versiegende Kaffeezufuhr. Okay, das trifft auf mich zu, andere schwören auf Musik und Tee oder Rotwein. Ansonsten schreibe ich, was ich selbst gern lesen würde, wenn es die Geschichte von einem anderen Autoren gäbe. Dabei versuche ich etwas zu entwickeln, was in dieser Form noch nicht existiert, nicht die x-te Variation desselben Themas. Das finde ich gerade im Bereich der Phantastik wichtig – obwohl es Ausnahmen gibt und Autoren, die mit althergebrachten, leicht abgewandelten Ideen sehr erfolgreich sind. Etwas an dem Kerngedanken muss mich packen, selbst wenn ich erstmal nur Fragmente der kompletten Geschichte im Kopf habe, wie es meist bei mir der Fall ist. Insofern ist „Die Seele des Flusses“ eine Ausnahme.
Ich weiß nicht, ob ich dafür prädestiniert bin, etwas zu raten, schließlich gehöre ich selbst wohl am ehesten in die Kategorie „fortgeschrittener Anfänger“. Aber da du für mich fragst, würde ich sagen, dass man hartnäckig bleiben muss, wenigstens wenn man nicht nur mal so zum Spaß schreibt, sondern auch veröffentlicht werden will. Man sollte nicht in Selbstzweifeln versinken, weil die eine oder andere Geschichte nicht genommen wird, sondern sie überarbeiten und einen neuen Versuch starten. Eine nette Lektorin (und Autorin) hat vor nicht allzu langer Zeit zu mir gesagt: „Geduld ist die erste Tugend des Autors“, und das kann ich nur unterstreichen. Außerdem: lesen, lesen, lesen! Wer nicht liest, kann auch nicht schreiben, Punkt.
Isabella Benz: Und auch, um historische Geschichten schreiben zu können, muss man viel lesen, beziehungsweise Recherchieren. Magst du uns verraten, wie du auf deinen Historischen Hintergrund gekommen bist?
Julia Annina Jorges: Die Epoche des Hochmittelalters hat mich schon während meines Geschichtsstudiums fasziniert. Die chaotischen Zustände des frühen, „finsteren“ Mittelalters nach dem Zusammenbruch des römischen Weltreichs waren weitgehend überwunden, Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft befanden sich im Aufwind. Universitäten entstanden, antike Schriften wurden wiederentdeckt – bevor im Spätmittelalter und der Frühen Neuzeit eine neuerliche dunkle Epoche folgte, geprägt von Seuchen, jahrzehntelangen Kriegen und gesteigertem Aberglauben. Nicht dass es zur Zeit des Stauferkaisers friedlich und gesittet zugegangen wäre, man denke nur an die Kreuzzüge. Dennoch waren Teile der Bevölkerung aufgeklärter als in den Jahrhunderten davor oder danach, Friedrich ist dafür ein Beispiel. Er galt vermutlich nicht zu Unrecht als strenger, aber gerechter Kaiser, obwohl er natürlich, wie jeder mittelalterliche Herrscher, in erster Linie auf Erhalt und Mehrung seines Machtbereichs aus war.
Das Ende Barbarossas (der übrigens erst lange nach seinem Tod offiziell diesen Beinamen erhielt – zu Lebzeiten wurde er lediglich im Gebiet der norditalienischen Städte, mit denen er im Dauerclinch lag, so genannt) geisterte mir seit der Kindheit durch den Hinterkopf. Der sinnlose Tod im Fluss, dann die Behandlung des Leichnams nach „Mos teutonicus“, was nichts anderes bedeutete, als denselben zu kochen, bis das Fleisch von den Knochen fiel … Hatte ich erwähnt, schon immer einen Hang zum Morbiden besessen zu haben? Als ich den Ausschreibungstext zu der Alte-Wellen-Anthologie las, war die Idee plötzlich da, das Geheimnis um Barbarossas Tod zu lüften.
Isabella Benz: Wie glaubst du denn, dass Friedrich Barbarossa wirklich gestorben ist?
Julia Annina Jorges: Vermutlich hätte er sich abkühlen sollen, bevor er in brütender Hitze ins eisige Wasser sprang – ein Herzinfarkt ist wohl das Wahrscheinlichste. Laut Überlieferung war er ein guter Schwimmer, aber immerhin hatte er mit seinen schätzungsweise siebzig Jahren (das genaue Geburtsdatum ist wie so oft im Mittelalter unbekannt) ein für die damalige Zeit fast biblisches Alter erreicht. Aber das ist schrecklich banal … Mir gefällt die Vorstellung, dass es kein völlig sinnloser Tod war, dass Friedrich vielleicht bei dem Versuch umkam, jemandem vor dem Ertrinken zu retten. Und vielleicht spielte ja doch das Wesen des Flusses selbst eine Rolle …
Isabella Benz: Ja, wer weiß … Apropos “Wesen des Flusses”: Sag mir doch bitte abschließend, wie du zum verbindenden Element unserer Anthologie stehst, was hältst du von Wasser?
Julia Annina Jorges: Ebenfalls mit elf Jahren (sollte mir das zu denken geben?) hatte ich eine aufregende Erfahrung während eines Urlaubs mit meinen Eltern in Irland und einem Hausboot auf dem Shannon. Unsere Nussschale geriet auf einem der großen Seen, dem Lough Derg, in einen der (zumindest für Landratten) ohne Vorwarnung aufziehenden Stürme, erstaunlicherweise in Verbindung mit einem Nebel, der „The Fog“ alle Ehre gemacht hätte, und wäre fast gekentert. Die Situation war tatsächlich ziemlich bedrohlich, meine Mutter hatte uns Kinder bereits in Rettungswesten gesteckt, obwohl ich das damals nicht so empfand. Im Kielwasser eines zufällig kreuzenden größeren Schiffs retteten wir uns in den Hafen. Mir flößte das Tosen der Elemente zwar gewaltigen Respekt ein, gleichzeitig fand ich es großartig. Noch heute führt mir dieses Erlebnis die Vielfältigkeit und Wandelbarkeit des Wassers vor Augen. Wasser ist das symbolträchtigste der Elemente und es ist launisch – das bin ich (leider) auch nicht so selten.
Isabella Benz: *lach* Manchmal muss das einfach sein 😉 Vielen Dank für diese ehrlichen Antworten! Und für euch habe ich hier nun noch den obligatorischen Textschnipsel aus Julias Kurzgeschichte “Die Seele des Flusses”:

Bei Nacht wirkte der Fluss noch beeindruckender als bei Tage: Mit Getöse schossen die dunklen, eisigen Wasser hinab ins Tal, um sich mit den warmen, salzigen Fluten des Meeres zu vereinigen. Allenthalben bildeten sich Wirbel, weiße Gischt sprühte. Reglos stand Hermo da und betrachtete das Spiegelbild des funkelnden Firmaments; Myriaden glitzernder Pünktchen, die auf den Wellen tanzten.

Die Anthologie erschien am 10.02. und kann beim Burgenweltverlag oder auf Amazon bestellt werden.