Die Kurzgeschichte „Der Verhüllte Mann“, erschienen in der Anthologie „Gesänge aus Dunklen Zeiten„, entführt uns ans Ende der Rosenkriege, in denen die englischen Adelshäuser York und Lancaster um die Königskrone stritten. Einer der Akteure dieser Auseinandersetzung war König Richard III, der nach seinem Bruder Eduard IV den Thron bestieg. Die beiden Söhne Eduards IV wurden im Tower von London gefangen gehalten. Im Spätsommer 1483 wurden sie Berichten zu folge das letzte Mal gesehen. Bis heute ist ungeklärt, was genau mit ihnen geschehen ist und auch wenn es nahe liegend ist, dass sie ermordet wurden – beweisen lässt sich dies nicht.
Unser Autor Dominik Gaida hat sich mit dem Rätsel auseinandergesetzt und eine spannende Geschichte daraus gestrickt. Heute darf ich ihn bei mir auf der Autorencouch begrüßen.
Isabella Benz: Herr Gaida, bevor wir näher auf die Kurzgeschichte eingehen, mögen Sie vielleicht erst einmal ein wenig von sich erzählen? Seit wann schreiben Sie und wie sind Sie dazu gekommen?
Dominik Gaida: Ich bin 1989 in der Kurpfalz geboren, aufgewachsen und zur Schule gegangen. Nach meinem Abitur 2009 und einem Freiwilligen Sozialen Jahr in Südafrika habe ich mit meinem Psychologie-Studium an der Universität Mannheim begonnen. Ideen für mehrere Romanprojekte hatte ich schon lange im Kopf, aber nie wirklich ernsthaft verfolgt. Und dann habe ich mir ausgerechnet während des Studiums die Zeit genommen und mich mit einem Projekt bei der Literaturagentur „Schmidt & Abrahams“ beworben – mit Erfolg. Seitdem werde ich als Autor von S&A vertreten und freue mich über die produktive Zusammenarbeit, die mich zu weiteren Projekten inspiriert hat.
Isabella Benz: Ich nehme an, dass S&A wie die meisten Agenturen lediglich ihre Romanprojekte unter Vertrag hat, oder? Bei unserer Ausschreibung handelt es sich ja aber um eine Kurzgeschichte – laufen so Kurzgeschichten für Sie neben den Romanprojekten her? Und mit was von beidem haben Sie denn angefangen?
Dominik Gaida: Das ist richtig, von S&A werden ausschließlich meine Romanprojekte vertreten. Tatsächlich habe ich lange Zeit gedacht, dass ich mich für eine Kurzgeschichte überhaupt nicht „kurz“ genug fassen kann. Aber die Ausschreibung des Burgenweltverlages klang so spannend, dass ich es einfach versuchen musste und mich beworben habe. Die Arbeit am „Verhüllten Mann“ war für mich selbst wahnsinnig interessant.
Isabella Benz: Interessant inwiefern? Aufgrund der Recherche?
Dominik Gaida: Beim „Verhüllten Mann“ handelt es sich um mein erstes historisches Projekt (mit phantastischem Einschlag) – ich habe mich quasi auf schriftstellerisches Neuland begeben. Auf die „Rosenkriege“ bin ich zum ersten Mal während meiner Schulzeit aufmerksam geworden. Damals war ich froh, als das Thema „abgehandelt“ war; mit den vielen Namen konnte ich einfach nichts anfangen. Aber als ich später einige Romane über die Zeit gelesen habe, haben mich die Intrigen und Wirrungen dieser Zeit dann doch gepackt – darum hatte ich auch für die Ausschreibung schnell eine Idee, die ich umsetzen wollte.
Isabella Benz: Puh, da bin ich aber froh, dass ich nicht die einzige bin, die diese ganzen Intrigenspiele und Adelsgeschichten extrem verwirrend findet. Für Ihre Kurzgeschichte stand mit Sicherheit auch viel Recherche auf dem Programm – wie sind Sie dabei vorgegangen?
Dominik Gaida: Einerseits war es mir wichtig, keine historischen Fakten massiv zu verändern. Andererseits handelt es sich beim „Verhüllten Mann“ größtenteils um die Geschichte eines Ereignisses, das bis heute nicht vollkommen aufgeklärt werden konnte – dadurch hatte ich beim Schreiben also auch eine Menge Interpretationsfreiraum. Nachdem ich die Idee für die Kurzgeschichte hatte, habe ich mir mehrere Quellen zusammengesucht, unter anderem die „Kleine Geschichte Englands“ von Michael Maurer sowie den ein oder anderen Roman von Rebecca Gablé. Anhand dieser Quellen habe ich die Geschichte dann weiter gesponnen und angepasst.
Isabella Benz: Achja, die Gablé-Romane … es wäre eigentlich interessant zu analysieren, ob durch die Recherche auch der Stil von Rebecca Gablé auf Sie abgefärbt hat. Lassen Sie uns doch einen kleinen Blick in Ihr Werk werfen:
„Eure Majestät, ich flehe Euch inständig an, diesen Entschluss noch einmal zu überdenken“, antwortete Sir James und schien jedes Wort mit Bedacht zu wählen. Er musste wissen, dass er als Hochverräter am Galgen von Tyburn enden konnte, wenn er etwas sagte, das Richard erzürnte. „Ich bitte Euch darum, bei der Liebe, die Ihr Eurem verstorbenen Bruder gegenüber empfunden habt.“
„Bringt mir den Verhüllten Mann“, befahl Richard dem Ritter, der den Wachposten an der Tür besetzte, ohne auf die Worte von Sir James einzugehen.
Man merkt an dem kurzen Ausschnitt bereits, dass Sie sich für die personale Perspektive mit Richard entschieden haben. Ohne jetzt zu viel zu verraten: Sie haben ja mehrere personale Perspektivträger, was für eine Kurzgeschichte eher ungewöhnlich ist – warum haben Sie sich für diese Form entschieden? Und gab es eine Perspektive, die Ihnen besonders leicht gefallen ist oder Ihnen besonders Spaß gemacht hat?
Dominik Gaida: Im Mittelpunkt der Geschichte steht – wie der Titel ja schon verrät – der „Verhüllte Mann“, eine ebenso mysteriöse wie einflussreiche Gestalt, deren Motive und Absichten niemand wirklich zu durchschauen vermag. Ich habe drei Perspektivträger gewählt, um die Sichtweisen von drei verschiedenen Personen auf diese Gestalt aufzuzeigen – dadurch erhalten die LeserInnen einerseits einen Wissensvorsprung gegenüber den agierenden Personen (die ja nicht in die Köpfe der anderen hineinschauen können) und können sich andererseits ihre eigene Meinung über diese Figur bilden – als vierter Perspektivträger sozusagen. Besonders gefallen hat mir Richard III. als Perspektivträger: eine historisch höchst umstrittene Person.
Isabella Benz: Ist das auch etwas, das Sie als Leser bei Geschichten (ganz gleich, ob jetzt Roman oder Kurzgeschichte) bevorzugen? Dass Leser sich Ihre eigene Meinung bilden können? Oder, was macht Ihrer Meinung nach eine gute Geschichte aus?
Dominik Gaida: Als Leser mag ich Geschichten, die mich zum Nachdenken anregen, die mich verwirrt zurücklassen und die mich noch beschäftigen, nachdem ich das Buch schon lange zugeklappt habe. Eine Geschichte kann auf jeden von uns eine andere Wirkung haben – aber wenn sie mich nicht in irgendeiner Art und Weise auch herausfordert, werde ich sie wohl nicht ganz ins Herz schließen können. Davon abgesehen stehen für mich bei einer Geschichte immer die Figuren und deren Charakterisierung im Mittelpunkt – selbst der spannendste Plot wird ohne interessante Figuren nicht wirklich funktionieren können.
Isabella Benz: Da haben Sie wohl Recht. Vielen Dank, für diese interessanten Antworten und dass Sie sich die Zeit hierfür genommen haben.
Dominik Gaida: Vielen Dank für die interessanten Fragen!
„Spannend. Schlüssig. Perfekt!“ – Jana Hoffhenke