Die Überarbeitung

von | 5. Jun 2016 | 0 Kommentare

Nach der Rohfassung ist vor der Rohfassung oder so ähnlich *lach*
Zumindest ist der Text noch lange nicht fertig, wenn er erstmal niedergeschrieben ist, vor allem nicht auf die Art und Weise wie ich meine Romane schreibe. Tatsächlich weigere ich mich, die allererste Fassung irgendjemandem zum Lesen zu geben. Die erste, die den Text zu lesen bekommt, bin ich selbst!

Seit ich 2013 meinen Kindle geschenkt bekomme habe, ziehe ich jede meiner Geschichten und vor allem meine Romane erst einmal auf das Gerät und lese mir sie selbst durch. Dabei markiere ich mir alles, was ich in irgendeiner Weise für überarbeitungswürdig halte. Es kann sein, dass nur einzelne Wörter auszutauschen sind oder ich Sätze umformulieren muss, das sind dann Szenen, die zumindest für mein Empfinden im Großen und Ganzen. Ab und an habe ich aber auch Szenen, die ich so grottig finde, dass ich sie noch einmal neu schreiben muss. In diesem Sinne heißt es: Nach der Rohfassung ist vor der Rohfassung.
Bei der Überarbeitung achte ich besonders auf drei Dinge:

  1. Ist die Geschichte in sich logisch? Sind irgendwo Brüche im Handlungsstrang? Handeln die Charaktere nach vollziehbar, bzw. entwickelt sich die Handlung der einen Figur aus der Handlung der vorherigen Figuren? Sprich: passende Aktionen und Reaktionen sind mir sehr wichtig und gehören für mich zur Nummer 1 der Dinge, die stimmen müssen.
  2. Genauso wichtig, aber dem doch ein wenig unter geordnet, ist dann die Atmosphäre der Geschichte: Kann ich mich voll und ganz in die Charaktere hineinversetzen? Kann ich hören, was sie hören? Fühlen, was sie fühlen? Riechen, was sie riechen? Den Geschmack auf ihrer Zunge nachempfinden? Dabei lege ich einen besonderen Wert darauf, nicht nur das Bild einzufangen, sondern tatsächlich die ganze Szenerie. Es ist das, was meines Erachten das Kopfkino vom richtigen Kino unterscheidet. Bei einer gut geschriebenen Szene bin ich wirklich anwesend, dann sind alle fünf Sinne aktiviert! Das geht nicht durch die Bank weg und sollte auch nicht aufgesetzt und erzwungen wirken. Trotzdem ist es mir ein Anliegen, Leser/innen voll und ganz in meine Welt zu entführen.
  3. Bei den Dialogen ist es besonders wichtig, die Charaktere gut zu kennen. Dann wirken sie meist auch nicht aufgesetzt. Tatsächlich habe ich bei den Dialogen meist am wenigsten zu überarbeiten. Dass sie auf mich aufgesetzt wirken, passiert sehr selten. Wenn das passiert, ist es in der Regel auch ein Zeichen dafür, dass der Dialog nochmal komplett neu geschrieben werden muss. Dialoge nur zum Teil zu überarbeiten, gelingt mir meist nicht, denn für Dialoge muss ich ganz in der Situation drin sein und mitanhören, wie sich meine Charaktere einen Schlagabtausch liefern.

Aber: Die Logik in Handlungssträngen, die Atmosphäre und stimmige, „echte“ Dialoge, das sind meine goldenen drei Regeln bei der Überarbeitung.
Natürlich sind auch Formulierungen an sich, Fauxpas wie „Hat der Charakter nun blaue oder grüne Augen?“ und Rechtschreib- oder Grammatikfehler wichtig. Doch gehen diese Dinge meines Erachtens eher ins Detail und sollten auch erst richtig angepackt werden, wenn die drei oben genannten Punkte für eine Szene als abgeschlossen gelten.
Bei „Die Schwelle – Vermächtnis der Hüter 1“ habe ich tatsächlich sehr früh Feinarbeit leisten können. Dafür musste ich Band 2 streckenweise insgesamt dreimal schreiben. Übrigens bewahre ich alle (und damit meine ich wirklich alle) Versionen meiner Romane auf. Etwas komplett wegzuschmeißen, geht für mich gar nicht. Eine Vorher-Nachher Testprobe gefällig? Der Roman beginnt ja mit einem Traum von Dareios. Ursprünglich sah das ganze so aus:

Sein Speer bohrte sich in das Herz des Adlers. Wütend krächzte der Haphtir, riss seinen Schnabel weit auf und zerfloss im nächsten Augenblick in einem Schleier. Hinter dem Vogel setzte ein Löwe heran. Die Tatzen bohrten sich in die lehmige Erde. Dareios wich zurück, umklammerte das Holz des Speeres fester. Eine Schlange zischte, schoss empor und wand sich um sein Handgelenk, biss ihn. Dareios schrie auf, ließ den Speer vor Schmerz los. Einer der Soldaten riss den glitschigen Haphtir von ihm weg.
Da stieß der Löwe seinen Mitstreiter zur Seite, stürzte sich auf Dareios und schleuderte ihn zu Boden. Dareios stöhnte. Durch die Mähne des mächtigen Haphtirs sah er seine Mutter. Sie stand mitten im Schlachtgetümmel. Ihre Trompetenärmel flatterten im Wind.

Die endgültige Version lautet nun folgendermaßen:

Sein Speer bohrte sich in das Herz des Adlers. Wütend krächzte der Skotos und verschwand. Hinter dem Vogel setzte ein riesiger Bär heran. Dunkel erinnerte Dareios sich: Er hatte den Bärenskotos schon häufiger gesehen, doch immer weit entfernt, jenseits des Schlachtfeldes. Nun bohrten sich die Tatzen in die lehmige Erde, kamen unaufhaltsam näher. Dareios wich zurück und riss einen neuen Speer aus dem Köcher neben ihm. Eine Schlange schoss empor und wand sich um sein Handgelenk, biss zu. Dareios schrie und ließ den Speer los. Einer der Soldaten packte den Skotos hinterm Kopf und zerrte ihn von Dareios weg.
Da stieß der Bär den Kämpfer zur Seite und stürzte sich auf Dareios, schleuderte ihn zu Boden und presste ihm sämtliche Luft aus den Lungen. Dareios ächzte und blinzelte. Für einige Herzschläge bewegte sich das Fell des Skotos’ nur langsam im Wind. Da stand Thalia. Mitten im Schlachtgetümmel zwischen den Skotoi, den Raubtieren, den wildgewordenen Büffeln, Echsen und allerlei Vögeln. Ihre Trompetenärmel flatterten.

Ihr seht, es haben sich eher Kleinigkeiten geändert, wobei ich finde, dass so etwas doch viel für die Atmosphäre ausmachen kann *gg*
Allerdings muss ich zugeben: Diese endgültige Version hat nicht nur meinen eigenen Überarbeitungsdurchgang hinter sich gebracht. Zwei weitere Schritten sind bis zum vollständigen Roman meiner Meinung nach unabdingbar: Man braucht Betaleser und ein ordentliches Lektorat! Dazu mehr in den kommenden Blogbeiträgen 😉

Zum Abschluss habe ich wieder ein paar Fragen …
… an die Autor/innen unter euch: Was ist euch bei der Überarbeitung am wichtigsten?
… an die Leser/innen unter euch: Was stört euch am meisten, (kleinere) Logikbrüche, fehlende Atmosphäre oder hölzerne Dialoge?

Ich lese gerade:

Data from Goodreads

  • Book cover

    Die Ratten von Chakas (Die Greifen #1)

    C.M. Spoerri

    100 %
    100 %

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