Die Tage die ich dir verspreche

von | 12. Sep 2017 | 0 Kommentare

„Berührt auf Gefühlsebene und regt zum Nachdenken an. Lily Oliver bietet bewegende Einblicke in das Leben einer jungen Frau nach einer Herztransplantation.“

Autorin: Lily Oliver
Umfang: 370 Seiten
Sprache: Deutsch
Kauf: Amazon ~ Buchhandel ~ Verlag

Zusammenfassung: Gwen hat ein neues Herz erhalten und steht nach der Reha nun vor der Aufgabe, ins Leben zurückzufinden. Dabei wird sie von Erwartungen erdrückt. Ihr Vater will sie unbedingt zum Studium bewegen, ihr Bruder will sie zum Laufen motivieren und überhaupt meint jeder, nach der Transplantation sei doch alles gut. Für Gwen hingegen ist gar nichts gut. Sie fühlt sich schuldig, trotz des großen Geschenkes kein Glück empfinden zu können, und sieht schließlich nur noch einen Ausweg: Sie muss das Herz jemandem geben, der damit auch leben kann. Also postet sie in einem Forum, in dem sie sich erst vor kurzem angemeldet hat: „Herz zu verschenken“.
Der Moderator des Forums, Noah, hält den Aufruf für einen grotesken Scherz und löscht den Beitrag kurzerhand. Weil er Gwen für einen „Troll“ hält, der im Forum nur Unruhe stiften will, sperrt er sie und behauptet sarkastisch, er habe sie gelöscht, weil er das Herz für sich will. Er hält das Thema für erledigt. Bis Gwen mitten in der Nacht vor seiner Haustür auftaucht, um ihm das Herz zu geben.

Der Roman ist (meist) abwechselnd aus der Ich-Perspektive von Noah und Gwen geschrieben. Eingeleitet werden die Kapitel mit einem Forumsbeitrag des jeweiligen Perspektivträgers. Der Kniff hat mir gut gefallen, weil man dadurch zum einen sofort wusste, welches ‚Ich‘ im Kapitel spricht und zum anderen die Themen der Kapitel vorab angedeutet werden.
Als Zeitform hat sich Oliver für das Präsens entschieden. Für mich war dieser Roman dadurch in mehrerer Hinsicht eine neue Erfahrung: Um Romane in Ich-Perspektive und Präsens habe ich bislang einen großen Bogen gemacht. Bewusst dafür habe ich mich diesmal nicht entschieden: der Trailer zum Buch hatte mich bereits so sehr angesprochen, dass ich nicht mehr in die Leseprobe geschaut habe. Zu meinem Schaden war es allerdings nicht. Perspektive und Zeitform haben ganz wunderbar zu der Geschichte gepasst und es las sich sehr angenehm.

Dazu beigetragen hat sicher auch der Schreibstil. Meiner Meinung nach war es eine gute Mischung aus Gedanken und Handlung, auch wenn erstere definitiv überwiegen. Allerdings hatte ich nur an einigen wenigen Stellen das Gefühl, die Gedanken würden sich im Kreis drehen. Es wird auch nicht seitenlang über Pro und Contras diskutiert. Oliver legt einen Schwerpunkt darauf, wie unterschiedlich dasselbe Verhalten und derselbe Satz von verschiedenen Personen wahrgenommen werden.

Durch die Ich-Perspektive ist der Leser sehr eng mit Gwen und Noah verbunden. Die Hauptfiguren haben dabei beide ihre eigenen Lasten zu schleppen. Auch die Probleme von Noah werden immer wieder in den Roman eingeflochten und spielen zu denen von Gwen eine ausgewogene Rolle. Oliver ist es wirklich gut gelungen, zwei fremde Persönlichkeiten aufeinanderprallen zu lassen und ihre je eigenen Sorgen miteinander zu verweben. Persönlich konnte ich mich besser mit Gwen als mit Noah identifizieren. Das lag meines Erachtens nicht nur am Geschlecht, sondern auch daran, dass Gwen im Großen und Ganzen die interessantere Entwicklung durchmacht. Außerdem kam es bei Noah meines Erachtens eher vor, dass sich die Gedanken im Kreis drehten. Bei ihm hatte ich auch häufiger als bei Gwen das Bedürfnis, ihm einen Tritt in den Hintern zu verpassen, weil er sich etwas trottelig anstellt (ohne jetzt behaupten zu wollen, dass ich mich in so einer Situation besser verhalten würde … ;-))
Bei zwei so klar definierten Hauptfiguren könnte man meinen, dass die Nebenfiguren zu kurz kommen würden. Aber ich finde auch sie auf angenehme Weise in die Geschichte eingeflochten. Ich hatte bei keiner Figur das Gefühl, einen bestimmten Typus vor mir zu haben. Einzige Ausnahme ist hierbei vielleicht Noahs Ex, die keine breite Rolle bekommt. Alle anderen hingegen, sowohl Gwens Eltern, ihr Bruder und ihr Freund Alex, als auch Noahs bester Freund Sevi und seine Mutter lassen mehrere Facetten erkennen. Und dann ist da noch Gwens beste Freundin Leni, die selbst auf ein Herz wartet. Wie sie in die Geschichte eingebunden wurde, hat mir besonders gut gefallen.

Die Geschichte entwickelt sich eher langsam. Oliver nimmt sich Zeit, die Veränderungen und Schicksalsschläge ihrer Protagonisten darzustellen. Dennoch fand ich die Geschichte die meiste Zeit über spannend. Angetrieben wurde sie vor allem von zwei Fragen: Findet Gwen einen Weg, mit dem neuen Herzen zu leben? Und wie wird Noah seine Lüge los, bzw. wie wird Gwen auf die Wahrheit reagieren? In der Mitte gab es für mich eine kurze Durststrecke. Ich hätte das Buch zwar nicht aus der Hand gelegt, aber fast ein wenig überflogen. Kurz davor hat es aber wieder die Kurve gekriegt: In das eher zähe Gefühlschaos um Gwen und Noah wird Leni stärker eingebunden, was der Geschichte neuen Wind verleiht.

Ich bin kein Experte, was Organspende anbelangt. Vor allem mit der Frage, wie es Patienten ergeht, nachdem sie ein Organ erhalten haben, habe ich mich bislang nie auseinandergesetzt. Der Roman bietet hierfür einen sehr interessanten Einblick, den Oliver eigenen Angaben nach zwar erfunden, aber gut recherchiert hat. Ich fand die Gefühle, Gedanken und Entwicklungen in jedem Fall gut nachvollziehbar.

Fazit: Das Buch bewegt und regt zum Nachdenken an. So intensiv mit Organspenden habe ich mich bislang nicht auseinandergesetzt. Auch mit einem kleinen spannungstechnischen Durchhänger in der Mitte sehr empfehlenswert!

Ich lese gerade:

Data from Goodreads

  • Book cover

    Die Lüge von Amergin Manor

    Antonia Günder-Freytag

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