Autorin: Iny Lorentz
Hardcover: 688 Seiten
Verlag: Knaur Taschenbuch Verlag
Sprache: Deutsch
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Thalia
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Bewertung: Eine meist spannende Pilgerreise mit vielen Plottwisten, in denen die Protagonisten allerdings ein wenig zu häufig ihre eigene Geilheit bekunden.

Als ihr Vater im Sterben liegt, verspricht die Kaufmannstochter Tilla – eigentlich Ottilie – sein Herz nach Santiago de Compostela zu bringen und dort zu begraben. Eigentlich besteht ihr Vater darauf, dass ihr Bruder dies tun soll, doch Otfried Willinger hat andere Pläne, die die Reichsstadt Tremmlingen von Grund auf verändern sollen. Als er sie dafür mit seinem Verbündeten Veit Gürtler vermählt, bleibt Tilla nichts anderes übrig als zu fliehen. Verfolgt von den Schergen ihres Bruders schließt sie sich als Mann verkleidet einer Pilgergruppe an, die von Ulm zum Grab des Heiligen Jakobus aufbricht.
Auf dem Weg nach Santiago lauern allerlei Gefahren auf die Pilger, die das Ehepaar, das sich unter dem Pseudonym Iny Lorentz verbirgt, geschickt in mehrere Etappen aufteilt. Insgesamt ist der beinahe 700-Seiten starke Wälzer in 9 Abschnitte aufgeteilt. Dass der gesamte erste und zweite Teil und somit die ersten zweihundert Seiten des Werkes im Prinzip von dem handelt, was der Klappentext bereits verrät, ist ein wenig nervig. Dennoch hält das Autorenpaar die Spannung auch dort hoch und sorgt für einige überraschende Momente. Jeder der neun Teile enthält seinen eigenen Twist. So verliert die Gruppe aus unterschiedlichen Gründen zwischendurch Mitglieder, dafür kommen neue hinzu. Unter anderem stößt sehr früh Tillas Jugendfreund Sebastian Laux zu der Gruppe, dessen Bruder Damian Laux sie eigentlich nach dem Willen ihres Vaters hätte heiraten sollen.

Im Großen und Ganzen haben mir die Konfliktpunkte, die in den einzelnen Teilen angelegt sind und sich immer wieder überschneiden gut gefallen. Dem Autorenehepaar gelingt es geschickt, die unterschiedlichsten Charaktere zu zeichnen. Dabei kann im Großen und Ganzen der Überblick durchaus behalten werden trotz der erstaunlichen Anzahl an Personen, mit denen der Roman aufwartet. Schön ist dabei auch, dass immer wieder Charaktere, die aus früheren Teilen bekannt waren, an plötzlich unerwarteten Stellen auftauchen. Gut gefallen haben mir außerdem die ausführlichen Wegbeschreibungen, die in mir mehr als einmal – trotz oder gerade wegen der Strapazen, die die Gruppe auf sich nehmen muss – die Lust geweckt haben, selbst einmal zu pilgern, obwohl das heutzutage sicher kaum vergleichbar ist mit damals. Außerdem ist die Entwicklung der Charaktere und was die Reise bei den einzelnen Teilnehmern auslöst deutlich gezeichnet, wenn dies mir persönlich auch manchmal zu sehr Holzhammer-mäßig gesagt wurde.

Dies ist einer der Gründe, der dem Roman ein wenig Charme (und damit auch Sterne) nimmt. Zwei weitere sind zum einen, dass sich die Reise zwischendurch durchaus zieht und gerade beim Rückweg nach Ulm frage ich mich, ob ein Szenensprung nicht besser gewesen wäre, als noch einmal einige Seiten mit für mein Empfinden unnötigem Gelaber zu füllen. Zum anderen ging es mir irgendwann furchtbar auf den Wecker, dass (fast) alle Teilnehmer auf der Reise unbedingt ihr Liebesglück finden mussten.

Teilweise wirkte das extrem erzwungen und Überraschungen gab es bei der Pärchenbildung auch kein, im Gegenteil, das meiste war sehr früh erkennbar. Dazu kommt, dass die Charaktere dann erst einmal Seitenlang einfach geil aufeinander sind. Mit Sexszenen spart das Ehepaar ebenfalls nicht, allerdings sind die mitunter so lieblos erzählt, dass es meines Erachtens nach besser gewesen wäre, es einfach gar nicht zu erwähnen. Dass dies einen Großteil des Romans ausgemacht hat, hat mich wirklich gestört. Ein wenig Romantik und Erotik kann einem solchen Roman durchaus die nötige Würze verleihen, hier hatte ich jedoch das Gefühl, dass es einfach zu gut gemeint war und statt der Brise Salz ein paar Löffel zu fiel in die Suppe geraten sind. An „Sexszenen“ hätten sie definitiv sparen und dafür die eingebauten schöner beschreiben können, frei nach dem Motto: weniger ist mehr.

Das Buch ist gut geschrieben, das Autorenehepaar versteht sein Handwerk. Von einem Historienbestseller hätte ich mir allerdings mehr erwartet. Daher mein Fazit: Kann man lesen, muss man aber nicht.