Isabella Benz: Und nun kommen wir schon zur sechsten Autorin der Wellen-Anthologie. Herzlich Willkommen, Claudia Wahnschaffe! Verrate mir doch bitte zunächst: Was ist für dich das Wichtigste beim Schreiben?
Claudia Wahnschaffe: Ich denke, das Wichtigste ist es die Zeit zu finden so regelmäßig wie möglich zu Schreiben. Das ist nicht einfach, wenn man mitten im turbulenten Alltag steht. Aber wie beim Sport, oder wenn man ein Instrument erlernen will, hilft nur die tägliche Praxis um besser zu werden. Also heißt es für mich, den inneren Schweinehund zu überwinden und loszulegen. Keine Ausreden wegen unaufschiebbarer anderer Dingen, kein Warten darauf, dass die Muse lächelt und kein Blick für das superspannende Buch und die bequeme Couch. Nur ein Blatt Papier, ein Stift und der Kampf um den ersten Satz. Der zweite geht schon leichter, und dann weiß ich auch wieder, was mir gefehlt hat.
Isabella Benz: Und dabei kommen dann solch spannende Kurzgeschichten heraus:

Wütend knallte William die Tür ins Schloss. Seit Wochen hockte er mit dem Gefolge seines Vaters in dieser Burg am Ende der Welt. Dennoch war kein Abschluss der Verhandlungen mit Ludwig von Frankreich über die Frage der Herrschaft in der Normandie in Sicht. Sein Vater mochte die Beharrlichkeit besitzen, jeden Tag aufs Neue die gleichen Wortgefechte mit dem Franzosen auszutragen. William war die Geduld längst ausgegangen.

Was ist dein historischer Hintergrund?
Claudia Wahnschaffe: Meine Geschichte spielt im frühen 12. Jahrhundert. Die zugrunde liegenden historischen Ereignisse sind an sich schon eine dramatische Geschichte. Der englische König Henry reist nach dem Abschluss von Verhandlungen mit dem französischen König vom Festland nach Hause. Sein Sohn und eine Menge junger Leute des englischen Adels, die ihn begleitet hatten, wollen auf einem zweiten Schiff folgen. Doch bevor sie aufbrechen feiern sie noch eine feucht-fröhliche Party zusammen mit der Schiffsbesatzung, so dass beim Auslaufen alle, inklusive des Steuermanns, sternhagelvoll sind. Noch in Sichtweite des Hafens läuft die White Ship auf ein Riff auf. Don’t drink and drive ist offenbar ein zeitloses Thema.
Isabella Benz: Du gibst dem Ganzen ja einen sehr mysteriösen Touch. Was macht für dich eine gute, mysteriöse Geschichte aus?
Claudia Wahnschaffe: Ich mag Geschichten, wie E.A. Poes „Das verräterische Herz“, in denen das Unerklärbare allein in der Fantasie des Helden existiert, oder auch Geschichten, die bis zum Schuss ( und darüber hinaus ) offen lassen, ob das Übernatürliche real ist, oder es eine völlig andere Erklärung für die Ereignisse gibt.
Es ist der Reiz der Vorstellung, dass es doch mehr Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, als unsere Schulweisheit sich träumen lässt. Dass das Mysteriöse und Phantastische in unserer Welt auftauchen kann, aus der doch alles Unerklärbare verbannt zu sein scheint.
Isabella Benz: Erzähl uns bitte zum Abschluss noch, wie du zur Schreiberei gekommen bist 🙂
Claudia Wahnschaffe: Ich war etwa 14 oder 15 Jahre, als ich mit dem Schreiben angefangen habe. Geschichten habe ich schon immer geliebt, ob ich sie vorgelesen bekam oder später selbst alles las, was mir in die Finger kam. Irgendwann kam dann der Wunsch das selbst zu schreiben, was ich gerne lesen wollte. Ich habe zunächst Figuren und Szenen aus den Büchern, die ich las, übernommen und damit neue Geschichten geschrieben (heute nennt man das Spin-off). Es hat eine Menge Spaß gemacht so herumzuexperimentieren.
Isabella Benz: Dann wünsche ich dir auch weiterhin viel Spaß beim Schreiben und bedanke mich für dieses tolle Interview!

Die Anthologie erschien am 10.02. und kann beim Burgenweltverlag oder auf Amazon bestellt werden.