Seufzend setzte Leonardo den Pinsel ab und gab seinen Gehilfen stumm das Zeichen, sich dem nassen Putz zu widmen, bevor es zu spät sein würde.Mit geschürzten Lippen sah er dem forschen Jungen entgegen.„Ihr habt das Fresko versaut, mein Prinz!“Hakon kümmerte das wenig.„Ihr schlagt es doch wieder herunter! Wie die letzten acht Mal!“Hakons Blick schweifte über die Malereien. Mit seinem grimmigen Auge blickte Odin den Riesen, dem Fenriswolf und der Midgardschlange auf der anderen Seite der Kuppel entgegen. Neben ihm stand Thor sprungbereit, danach lechzend, seinen Hammer zu schwingen. Gleich nach ihm hatte Skjöld sein Schwert gezogen. All die anderen Asen schwebten noch in der Erwartung, von Meister Leonardo geformt zu werden.Ragnarök. Das Ende und der Neubeginn.
Dies sind die ersten Zeilen der Kurzgeschichte „Madonna“ aus der Anthologie „Gesänge aus Dunklen Zeiten„. In einer alternativen Historie reist Leonardo Da Vinci aus Florenz nach Dänemark, um am Hofe des Dänenkönigs zu werken. Dort unterrichtet er Hakon, den Sohn von König Erik. Doch das geregelte Leben am Hofe wird je unterbrochen, als ein Kapitän aus Genua kommt.
Die Autorin hinter dieser ungewöhnlichen Geschichte ist Claudia Speer, und sie ist heute hier auf der Autorencouch.
Isabella Benz: Liebe Frau Speer, könnten Sie sich bitte vorab den Leser in drei kurzen Sätzen beschreiben?
Claudia Speer: Ein gutes Buch fasziniert mich mehr als ein langweiliges Fernsehprogramm. Nach dem Besuch eines Schreibworkshops vor anderthalb Jahren konnte ich es einfach nicht mehr lassen. Mein Ziel ist, über Kurzgeschichten hinaus wachsen und ganze Bücher zu schreiben.
Isabella Benz: Kurz und prägnant, vielen Dank dafür! Ihrer Antwort entnehme ich, dass Sie über einen eher ungewöhnlichen Weg zum Schreiben gekommen sind. Wie kam es denn dazu, dass sie diesen Schreibworkshop besucht haben, bevor Sie überhaupt geschrieben habe? Oder habe ich Sie da falsch verstanden und Sie haben bereits vorher geschrieben? Wissen Sie denn noch, was genau Sie damals so sehr daran fasziniert hat?
Claudia Speer: Eine Freundin hat mich überredet mitzukommen. Sie fand, bei meiner Fantasie wäre es genau das Richtige. Sie hatte recht. Die Ideen sprudelten aus meinem Kopf. Plötzlich fand ich es nicht mehr abwegig mich mit dem Handwerkszeug des Schreibens zu befassen. Bis dahin hatte ich keine Ahnung wie viel Arbeit in einem Buch steckt, obwohl ich Hochachtung fürs Schreiben empfand. Als Kind tat ich mich schwer mit der Rechtschreibung. Ehrlich gesagt, ist sie bis heute nicht mein Freund. Dank moderner Technik fällt diese Schwäche kaum noch ins Gewicht. Das Faszinierendste am Schreiben ist für mich, zu beobachten wie sich aus einem kleinen Funken, einer winzigen Idee, ein ganzer Kosmos entwickeln kann. Bücher sind genau das: Unendlich facettenreiches Leben.
Isabella Benz: Wobei man sich ja meist doch ein bisschen einschränken muss. In Ihrer Kurzgeschichte zeigen Sie uns ja z.B. einige Facetten von Leonardo Da Vinci, einer der bekanntesten Persönlichkeiten des Spätmittelalters, dessen Werke noch heute Millionen von Menschen verzaubern. Waren Sie selbst denn schon in Paris und haben die Mona Lisa live gesehen? Was halten Sie von Leonardo Da Vinci?
Claudia Speer: Das Original habe ich leider noch nicht gesehen.
Da Vinci ist ein Genie. Es gibt kaum einen anderen Begriff. Möglicherweise sogar das größte Genie aller Zeiten. Wobei uns von anderen großen Frauen und Männer vielleicht nur die Aufzeichnungen fehlen um sie genauso zu würdigen. Sein Leben bietet genügend Stoff für Spekulationen. Andererseits, einem Mann wie ihm gebührt eine ernsthafte Betrachtung seines Lebenswerks und vor allem Respekt. Wie war der private Leonardo? Konnte man mit ihm reden? Ließ sein Arbeitseifer das zu? Ich stelle mir vor, wie es wäre sich in seinem Abglanz zu sonnen, oder vor Neid grün zu werden, ihn zu verleugnen, um sein Genie zu schmälern. Was verlangt so ein Mensch seiner Umgebung ab? Seiner Zeit voraus zu sein bedeutet eine schwere Bürde zu tragen. Wären Zeitreisen möglich, stünden mehr Besucher in seiner Werkstatt, als vor der Mona Lisa im Louvre.
Isabella Benz: Gut möglich! Dem großen Meister bei der Arbeit zuzusehen, fände ich ehrlich gesagt auch sehr spannend. Ihre Faszination für Da Vinci kann ich also sehr gut nachvollziehen. Aber wie kamen Sie denn auf die Idee, ihn in den Norden reisen zu lassen?
Claudia Speer: Da in meiner Alternativhistorie die Dänen/Schweden (also die als Wikinger bezeichneten Völker) Amerika nicht nur entdeckt, sondern auch besiedelt haben, sind sie in Europa die ausschlaggebende Großmacht. Der wahre Da Vinci bot seine Fähigkeiten reichen Geldgebern im ganzen heutigen Italien an. Empfehlungsschreiben öffneten ihm die Türen einflussreicher Männer wie Ludovico Sforza, der Medici oder am Hof des französischen Vizekönigs in Mailand. Was lag also näher als ihn zum mächtigsten König Europas und der Neuen Welt reisen zu lassen, der natürlich begierig darauf ist Leonardos Multitalent für sich zu nutzen: Militärisch, technisch, künstlerisch, medizinisch und als Organisator von Veranstaltungen. Ein Herrscher, der in eine neue Epoche aufbrechen will braucht einen offenen Geist an seiner Seite.
Isabella Benz: Sie schreiben ja nicht nur Kurzgeschichten, ich durfte erfahren, dass demnächst auch ein Roman von Ihnen verlegt wird. Möchten Sie uns darüber auch ein bisschen was erzählen? Gibt es auch dort einen solchen „offenen Geist“ oder spielen Sie da mit ganz anderen Charakteren?
Claudia Speer: Dieser Roman spielt in der Zukunft einer anderen Galaxie und handelt von einem Mischling. Dieser wächst als Außenseiter in einer mit uns vergleichbaren, menschenähnlichen Gesellschaft auf. Seine Mutter entstammt einer anderen, weitaus älteren Rasse, lebt jedoch nicht mehr. Diese Herkunft macht ihren Sohn, den Mischling, zu einem „Alien“ in dieser Gesellschaft, obwohl sein Aussehen ihn kaum von den Anderen unterscheidet.
Toleranz und Offenheit sind mir sehr wichtig. Ich hoffe, dass ich in jedem meiner Texte „offene Geister“ darstellen kann. Die Vertreter der Engstirnigkeit und Intoleranz bergen eine viel zu zerstörerische Kraft. Ich sehe diese Haltung als eine Art Dampfwalze, die über eine blühende Landschaft hinweg rollt. Natürlich kann man so einen Weg einfacher, gerader, ohne jeden Weitblick und viel schneller beschreiten. Betrachte ich die Geschichte unserer Zivilisation, so haben Intoleranz und Verschlossenheit auf die Dauer jedes noch so ausgeklügelte Herrschaftssystem zerstört. Offenheit und Toleranz hingegen machen nur kleine Schritte, gehen Umwege und nehmen sich Zeit das Fremde zu betrachten. Damit sind sie viel angreifbarer als Intoleranz, die sich wie eine Auster bei der kleinsten Veränderung ihrer Umwelt verschließt. Doch genau in dieser Achtsamkeit und Flexibilität liegt ihre Stärke. Diese beiden Eigenschaften erlauben es einer Gesellschaft sich anzupassen und sich weiterzuentwickeln, und auf neue Herausforderungen zu reagieren.
Isabella Benz: Um Herausforderungen zu begegnen braucht man persönlich aber ja auch ganz viel Kraft. Und die wünsche ich Ihnen in jedem Fall, sowohl für ihren Roman, als auch für alle weiteren Projekte. Vielen Dank für ihre Antworten!
„Großartige Story, gefällt mir!“ – Jana Hoffhenke
Weitere Informationen über die Autorin: Homepage von Claudia Speer