Corinne Hocke

Isabella Benz: Zu Geschichten, die von Wasser handeln, gehören auch Geschichten, die auf dem Wasser handeln, sprich: in einem Schiff! Einen besonderen Fokus darauf hat in der Anthologie „Wenn alte Wellen singen“ die Autorin Corinne Hocke gelegt. Liebe Corinne, ich darf dich heute auf der Autorencouch ganz herzlich begrüßen! Fangen wir einmal mit dem Thema „Schiff“ an: Du beschreibst das Leben auf einem Schiff sehr ausführlich. Warst du selbst schon einmal auf einer längeren Seefahrt? Wie hast du darüber recherchiert?
Corinne Hocke: Ich war schon öfter auf Schiffen verschiedener Größe unterwegs und habe es immer geliebt – auch wenn es durchaus mal beängstigende Situationen gab. Gerade, wenn man auf dem Meer ist und die Wellen mal ein wenig höher schlagen. Da kommt man sich schon sehr klein vor, besonders, wenn man in einem Schlauchboot sitzt. Daher konnte ich mich recht gut in die Angst meiner Hauptperson hineinversetzen. Einen Sturm auf einem mittelalterlichen Segelschiff möchte ich nicht erleben.
Isabella Benz: Bedeutet das, dass du Wasser eher skeptisch gegenüber stehst?
Corinne Hocke: Nein, ich liebe Wasser! Das Plätschern eines kleinen Baches ebenso wie die ruhige Strömung eines großen Flusses oder das Tosen eines Wasserfalls. Klare, stille Seen und Teiche oder das Meer in seiner gewaltigen und faszinierenden Weite, aber gleichzeitig mit so viel Kraft ausgestattet, dass einem angst und bange werden kann. Schwimmen finde ich übrigens auch toll. Man fühlt sich so herrlich leicht und vom Wasser umschmeichelt. Habe ich schon gesagt, dass ich Wasser liebe?
Isabella Benz: *lach* Ok, ich glaube dir! Jetzt einmal unabhängig vom Wasser: Seit wann schreibst du eigentlich?
Corinne Hocke: Ich schreibe, mit immer mal wieder längeren oder kürzeren Unterbrechungen, seit meiner Kindheit. Ich habe relativ früh lesen gelernt und immer reihenweise Bücher verschlungen. Das hat meine Fantasie angeregt, und gelegentlich habe ich mal eine der Geschichten zu Papier gebracht. Ich mag einfach den Umgang mit Wörtern und Sprache. Man kann so wunderbare Bilder damit entstehen lassen.
Isabella Benz: Das stimmt! Und ich würde sagen, das ist der richtige Zeitpunkt, um einmal einen Blick in deine Geschichte zu werfen:

Dass ausgerechnet Konstantinopel das Ziel der Reise war, hatte Alessandro von Anfang an erschreckt, doch als sie in der Morgendämmerung vor zwei Tagen die riesige Stadt erreichten, hatte der Junge sich einer Panik nahe gefühlt. Die vielen Menschen und die gewaltige Ausdehnung der Stadt machten ihm Angst …

Dein historischer Hintergrund ist der Handel mit Konstantinopel – was fasziniert dich so sehr daran, dass du darüber eine Kurzgeschichte geschrieben hast?
Corinne Hocke: Geschichte fand ich schon immer spannend. In der Schule war es eins meiner Lieblingsfächer. Je weiter weg von der Gegenwart, desto besser, war damals meine Devise. Mittlerweile ist das Mittelalter meine „Lieblingsepoche“, die oft gar nicht so finster war, wie der Volksmund oft behauptet.
Isabella Benz: Das stimmt allerdings! Sag uns doch bitte abschließend: Was ist dir beim Schreiben denn besonders wichtig?
Corinne Hocke: Ich denke, zum Schreiben gehört – neben Spaß und Inspiration – auch eine ordentliche Portion Durchhaltevermögen. Daran arbeite ich bei mir immer noch. Kurzgeschichten sind da manchmal ein guter Einstieg, weil man eben nicht ewig daran sitzt und dann auch mal etwas fertig schreibt. Ich weiß gar nicht, wie oft ich Geschichten begonnen und irgendwann nicht mehr weiter geschrieben habe, weil ich entweder eine Weile keine Zeit hatte oder – der häufigere Grund – nach einigen Seiten der Meinung war, dass meine Geschichten nicht gut genug wären. Wenn ich dann Monate später noch einmal einen Blick darauf geworfen habe, fand ich es doch gar nicht mehr so schlecht, habe dann aber meist keinen Anknüpfungspunkt mehr gefunden. Mein Tipp wäre daher: nicht entmutigen lassen! Und ruhig mal was Kürzeres schreiben, weil es einfach ein gutes Gefühl ist, eine Geschichte auch mal zu Ende gebracht zu haben.
Isabella Benz: Und das ist sicher ein schönes Gefühl. Vielen Dank für deine ausführlichen Antworten!

Die Anthologie erschien am 10.02. und kann beim Burgenweltverlag oder auf Amazon bestellt werden.

Elisabeth Schwaha

Isabella Benz: Die elfte Kurzgeschichte der Anthologie „Wenn alte Wellen singen“ spielt an einem Fluss, der auch bei mir in der Nähe fließt – die Donau! Heute ist die Autorin dieser Geschichte, Elisabeth Schwaha, auf der Autorencouch zu Gast. Herzlich Willkommen, liebe Elisabeth! Erzähl uns doch bitte als erstes, auf welchen historischen Hintergrund du in deiner Kurzgeschichte zurückgreifst.
Elisabeth Schwaha: Der Mittelpunkt meiner historischen Geschichten ist das Ministerialengeschlecht der Kuenringer. Ihr Image ist über Jahrhunderte hinweg kein gutes. In den Sagen werden sie meist als Raubritter kolportiert, wüste Kerle, denen erst der tapfere und edle Herzog von Österreich in einem verwegenen Streich das Handwerk legt.
Tatsächlich hatte dieser edle Herzog nicht zu Unrecht den Beinamen „der Streitbare“ und machte sich in seinem Machtstreben allseits unbeliebt, zu Zeiten, in denen anderswo schon unverbrüchliche Rechte für Ministerialen definiert waren. Diese Rechte forderten die Kuenringer an der Spitze der österreichischen Ministerialen vom Herzog ein.
Entgegen ihrem Raubritterruf waren sie höchste Beamte des Herzogtums, stellten auch den Vertreter des Herzogs selbst, wenn dieser auf Reisen war. Sie erbauten mehrere Burgen und Klöster und machten dadurch das nördliche Niederösterreich (Waldviertel) erst urbar.
Diese Zeit um 1200 ist eine sehr spannende Epoche. In ihr findet sich alles, was man sich für einen Mittelalterroman wünscht: Kreuzzüge, edle und weniger edle Herzöge, die gern gelesene Geschichte um Richard Löwenherz‘ Gefangennahme, byzantinische Bräute, ermordete Münzmeister, Minnesänger, Ketzer und vieles mehr. Mir war, bevor ich „Der Ring des Chuenringers“ schrieb, nicht bewusst, wie fesselnd Geschichte sein kann.
Isabella Benz: Dein Roman spielt, wie bereits eingangs erwähnt, an der Donau und du beschreibst sie meiner Meinung nach sehr eindrucksvoll, wie ich finde. Werfen wir einmal einen Blick in deine Geschichte:

Grünsilbern und unaufhaltsam zog seit Jahrtausenden die Donau tief unter der Burg vorbei und würde das bis zum Jüngsten Gericht tun. Elßlin schauderte. Alles war unaufhaltsam, der Strom, das Schicksal – und vor allem ihre Ehe mit Gelfrat Baumberg aus Regensburg.

Was ist denn dein persönlicher Lieblingsfleck an der Donau?
Elisabeth Schwaha: Als ich ein Kind war, gab es in Wien noch das sogenannte „Überschwemmungsgebiet“, eine richtige Gstettn (= unbewirtschafteter, naturbelassen verwilderter Grund, auf dem so allerlei kreucht und wächst, das ein Stadtkind sonst nicht zu sehen bekommt). Mit der Errichtung des Entlastungsgerinnes wurde diese Gstettn zum zivilisierten Naherholungsziel der Stadt Wien und verlor viel an Reiz. Dennoch gibt es auch heute noch Stellen, wo man die alte Au erleben und sich vorstellen kann, wie die Donau bis zu ihrer recht gnadenlosen Regulierung in den 1870er-Jahren ausgesehen haben mag. Diese Plätze liebe ich, auch wenn ich sie mit Millionen von Gelsen (Stechmücken) teilen muss.
Isabella Benz: Man merkt dir die Begeisterung für die Donau wirklich an! Eine schöne Grundeinstellung, um eine Kurzgeschichte zu verfassen. Aber gehen wir einmal weg von der konkreten Geschichte. Mich würde noch allgemeiner interessieren: Wie bist du eigentlich zum Schreiben gekommen?
Elisabeth Schwaha: Ich habe immer schon geschrieben, seit ich einen Bleistift halten konnte. Wenn andere Kinder zeichneten und malten, krakelte ich Buchstaben. Das Geheimnis von Buchstaben, Wörtern, Sprache faszinierte mich von Anfang an.
Meine Mutter hat viele, meist lustige Gedichte gemacht und mich oft in Reimen angesprochen, sodass ich schon sehr früh selber reimte. Überliefert ist „Pfapfe hapfe“ für „Ich möchte jetzt bitte mein Fläschchen haben“.
Ich habe alles gelesen, was mir in die Finger kam, und so entstand auch bald die Lust am Selbererzählen, Welten und Schicksale erschaffen – und die Bücher schreiben, die ich selber gerne lesen wollte.
Isabella Benz: Und gibt es etwas, das dir beim Schreiben besonders wichtig ist?
Elisabeth Schwaha: Das Wichtigste für mich ist das Hineindenken in die Personen meiner Geschichte. Ihre Handlungen sollen glaubwürdig und nachvollziehbar sein. Ich versetze mich gerne in die Situationen hinein, schaue, horche und rieche, was sich rundum tut.
Und ich versuche, Klischees zu vermeiden. Kein „Die Sonne knallte heiß auf das Pflaster“ oder „…dachte er bei sich“ – bei wem könnte er denn sonst denken? Auch gegen Phrasen wie „zur Geltung bringen“ habe ich eine veritable Aversion. Das sind so leicht hingeschriebene Sätze, die so gut wie nichts aussagen.
Dennoch muss ich leider immer wieder bei mir selbst feststellen, dass es allzu leicht ist, unversehens in die Klischeefalle zu stolpern.
Isabella Benz: Abschließend würde mich gerne noch wissen: Was für ein Verhältnis hast du zum Wasser?
Elisabeth Schwaha: Wir haben ein ausgezeichnetes Verhältnis! Ich kann es literweise in mich hineinschütten, ich kann stundenlang drin herumplantschen, und ich höre und sehe ihm gerne zu, wenn es mir Geschichten zuplätschert und Visionen von geheimnisvollen blaugrünen Reichen zeigt.
Isabella Benz: Ach ja, ein schönes Bild 🙂 Vielen Dank für diese begeisterten und begeisternden Antworten!

Die Anthologie erschien am 10.02. und kann beim Burgenweltverlag oder auf Amazon bestellt werden.

Regine D. Ritter

Isabella Benz: Es ist wieder Freitag und damit Zeit für ein neues Interview aus der Reihe „Wenn alte Wellen singen“! Unsere nächste Autorin ist Regine D. Ritter, Herzlich Willkommen, liebe Regine! Verrate uns doch bitte, was dein historischer Hintergrund ist und wie du darauf gekommen bist?
Regine D. Ritter: Der historische Hintergrund für diese Geschichte hat sich eher zufällig ergeben: in einem Buch über mittelalterliche Burganlagen wurde als Kuriosum angemerkt, dass es bereits im Mittelalter Kampfschwimmer gegeben habe. Das hat mich interessiert, ich habe weiter darüber nachgeforscht, und bin so bei Galbert gelandet.
Isabella Benz: Galbert ist ja der Protagonist deiner Geschichte. Du hast die Kurzgeschichte sowohl aus seiner personalen Sicht als auch in Form von Geschichtsschreibung geschrieben. Warum hast du dich für diese Form entschieden?
Regine D. Ritter: Eine Geschichte über einen nackten Mann in einem reißenden Fluss finden die meisten Menschen vermutlich interessanter als eine Seite aus einem Geschichtsbuch. Trotzdem wollte ich ein wenig von der historischen Vorgeschichte mit in meinen Plot einfließen lassen, denn Galbert war nicht nur ein Einzelkämpfer, sondern Teil eines großen Ganzen. Diese beiden Aspekte seiner Geschichte soll die Mischform unterstreichen.
Isabella Benz: Interessant! Und ich finde, die Mischung ist wirklich spannend geworden. Als Beispiel wollen wir uns einmal ein paar Sätze anschauen:

In nur zwei Jahren hat Löwenherz seine Grenzfestung regelrecht aus dem Boden stampfen lassen, und viele Bewohner der Gegend behaupten noch heute, dass es dabei nicht mit rechten Dingen zugegangen sein kann. Blut soll es geregnet haben, und über dem Sumpf sollen Irrlichter getanzt haben.

Erzähl uns doch mal: Magst du Wasser eigentlich?
Regine D. Ritter: Feuer ist mir lieber.
Isabella Benz: Nun, das kommt in deiner Kurzgeschichte ja auch nicht zu kurz 😉 Wie bist du eigentlich zum Schreiben gekommen? Und was ist für dich das Wichtigste dabei?
Regine D. Ritter: Ich vermute, dass ich hier dem üblichen Klischee entspreche: Geschichten zu schreiben hat mir schon in der Schule viel Spaß gemacht, und die Liebe zum Schreiben ist geblieben. Die Motivation kommt schlicht und einfach aus der Freude, die mir der kreative Prozess des Schreibens bereitet.
Durchhaltefähigkeit und die Fähigkeit, den eigenen Text kritisch zu lesen, sind meiner Meinung nach das Wichtigste.
Isabella Benz: Vielen Dank für deine Antworten!

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Julia Annina Jorges

Isabella Benz: Heute dürfen wir Julia Annina Jorges auf der Autorencouch begrüßen, Herzlich Willkommen! Sie hat in der Anthologie „Wenn alte Wellen singen“ eine Kurzgeschichte über den bekanntesten der Staufer veröffentlicht – aber zum Historischen Hintergrund. Zunächst einmal die bewährte Einstiegsfrage: Wie bist du zum Schreiben gekommen?
Julia Annina Jorges: Meine erste Kurzgeschichte habe ich mit elf geschrieben, eine typische Mädchen-Pferde-Abenteuer-Story, allerdings mit Gespenstern und tragischem Ausgang – schon damals mochte ich es düster und dramatisch. Es folgten zwei etwas längere Geschichten, beides Mischungen aus Krimi und Mystery.
Leider bin ich dann vom Schreiben abgekommen, weil andere Interessen und Dinge wie Abitur und Berufswahl wichtiger wurden. Erst während meines späteren Studiums habe ich wieder geschrieben, und auch wenn das Verfassen wissenschaftlicher Texte sich stark vom kreativen Schreiben unterscheidet, hat es mir Spaß gemacht. Noch viel später – inzwischen hatte ich eine Umschulung hinter mir, geheiratet und das Glück erlebt, zweimal Mutter zu werden – entschied ich mich, zunächst aus Gründen der freieren Zeiteinteilung, meiner Familie ein Zubrot als Auftragstexterin zu verdienen. Obwohl die Bezahlung alles andere als üppig war, hat mir diese Tätigkeit viel gebracht, weil ich in Sachen neuer Rechtschreibung und Interpunktion viel hinzulernen konnte.
Zum erzählenden Schreiben bin ich erst im Herbst 2013 zurückgekehrt, als ich eher zufällig auf die Ausschreibung „Verbotene Bücher – Auf den Spuren H. P. Lovecrafts 3“ des Verlags Torsten Low gestoßen bin, die noch knapp vier Wochen lief. Da ich dem Lovecraft-Kosmos seit rund dreißig Jahren verfallen bin, dachte ich, es könnte Spaß machen, sich selbst an einer diesbezüglich inspirierten Geschichte zu versuchen. Mit „Samhain“ habe ich zu meinem Erstaunen anscheinend den Geschmack der Herausgeber getroffen – dass es veröffentlicht wird, habe ich allerdings erst im Frühjahr 2015 erfahren. Zu dieser Zeit war meine erste überhaupt veröffentlichte Geschichte „Der Löwe“ bereits im Burgenwelt Verlag erschienen, im Rahmen der Anthologie „Auf finsteren Pfaden“. Spätestens damit hatte ich Blut geleckt, beteiligte mich an diversen Ausschreibungen im Genre Horror/Phantastik und konnte einige Kurzgeschichten in verschiedenen Verlagsanthologien unterbringen, die 2016 erscheinen werden. Diese Bestätigung motiviert mich ungemein, ohne sie hätte ich das Schreiben früher oder später wohl aufgegeben. Gegenwärtig habe ich weniger Zeit für Literaturwettbewerbe, weil ich an einer Geschichte arbeite, die – so hoffe ich – mein Debütroman wird …
Isabella Benz: Dann wünsche ich dir viel Erfolg dafür! Was ist dir denn beim Schreiben wichtig? Und hättest du einen Tipp für die Leserinnen und Leser?
Julia Annina Jorges: Ruhe und nie versiegende Kaffeezufuhr. Okay, das trifft auf mich zu, andere schwören auf Musik und Tee oder Rotwein. Ansonsten schreibe ich, was ich selbst gern lesen würde, wenn es die Geschichte von einem anderen Autoren gäbe. Dabei versuche ich etwas zu entwickeln, was in dieser Form noch nicht existiert, nicht die x-te Variation desselben Themas. Das finde ich gerade im Bereich der Phantastik wichtig – obwohl es Ausnahmen gibt und Autoren, die mit althergebrachten, leicht abgewandelten Ideen sehr erfolgreich sind. Etwas an dem Kerngedanken muss mich packen, selbst wenn ich erstmal nur Fragmente der kompletten Geschichte im Kopf habe, wie es meist bei mir der Fall ist. Insofern ist „Die Seele des Flusses“ eine Ausnahme.
Ich weiß nicht, ob ich dafür prädestiniert bin, etwas zu raten, schließlich gehöre ich selbst wohl am ehesten in die Kategorie „fortgeschrittener Anfänger“. Aber da du für mich fragst, würde ich sagen, dass man hartnäckig bleiben muss, wenigstens wenn man nicht nur mal so zum Spaß schreibt, sondern auch veröffentlicht werden will. Man sollte nicht in Selbstzweifeln versinken, weil die eine oder andere Geschichte nicht genommen wird, sondern sie überarbeiten und einen neuen Versuch starten. Eine nette Lektorin (und Autorin) hat vor nicht allzu langer Zeit zu mir gesagt: „Geduld ist die erste Tugend des Autors“, und das kann ich nur unterstreichen. Außerdem: lesen, lesen, lesen! Wer nicht liest, kann auch nicht schreiben, Punkt.
Isabella Benz: Und auch, um historische Geschichten schreiben zu können, muss man viel lesen, beziehungsweise Recherchieren. Magst du uns verraten, wie du auf deinen Historischen Hintergrund gekommen bist?
Julia Annina Jorges: Die Epoche des Hochmittelalters hat mich schon während meines Geschichtsstudiums fasziniert. Die chaotischen Zustände des frühen, „finsteren“ Mittelalters nach dem Zusammenbruch des römischen Weltreichs waren weitgehend überwunden, Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft befanden sich im Aufwind. Universitäten entstanden, antike Schriften wurden wiederentdeckt – bevor im Spätmittelalter und der Frühen Neuzeit eine neuerliche dunkle Epoche folgte, geprägt von Seuchen, jahrzehntelangen Kriegen und gesteigertem Aberglauben. Nicht dass es zur Zeit des Stauferkaisers friedlich und gesittet zugegangen wäre, man denke nur an die Kreuzzüge. Dennoch waren Teile der Bevölkerung aufgeklärter als in den Jahrhunderten davor oder danach, Friedrich ist dafür ein Beispiel. Er galt vermutlich nicht zu Unrecht als strenger, aber gerechter Kaiser, obwohl er natürlich, wie jeder mittelalterliche Herrscher, in erster Linie auf Erhalt und Mehrung seines Machtbereichs aus war.
Das Ende Barbarossas (der übrigens erst lange nach seinem Tod offiziell diesen Beinamen erhielt – zu Lebzeiten wurde er lediglich im Gebiet der norditalienischen Städte, mit denen er im Dauerclinch lag, so genannt) geisterte mir seit der Kindheit durch den Hinterkopf. Der sinnlose Tod im Fluss, dann die Behandlung des Leichnams nach „Mos teutonicus“, was nichts anderes bedeutete, als denselben zu kochen, bis das Fleisch von den Knochen fiel … Hatte ich erwähnt, schon immer einen Hang zum Morbiden besessen zu haben? Als ich den Ausschreibungstext zu der Alte-Wellen-Anthologie las, war die Idee plötzlich da, das Geheimnis um Barbarossas Tod zu lüften.
Isabella Benz: Wie glaubst du denn, dass Friedrich Barbarossa wirklich gestorben ist?
Julia Annina Jorges: Vermutlich hätte er sich abkühlen sollen, bevor er in brütender Hitze ins eisige Wasser sprang – ein Herzinfarkt ist wohl das Wahrscheinlichste. Laut Überlieferung war er ein guter Schwimmer, aber immerhin hatte er mit seinen schätzungsweise siebzig Jahren (das genaue Geburtsdatum ist wie so oft im Mittelalter unbekannt) ein für die damalige Zeit fast biblisches Alter erreicht. Aber das ist schrecklich banal … Mir gefällt die Vorstellung, dass es kein völlig sinnloser Tod war, dass Friedrich vielleicht bei dem Versuch umkam, jemandem vor dem Ertrinken zu retten. Und vielleicht spielte ja doch das Wesen des Flusses selbst eine Rolle …
Isabella Benz: Ja, wer weiß … Apropos „Wesen des Flusses“: Sag mir doch bitte abschließend, wie du zum verbindenden Element unserer Anthologie stehst, was hältst du von Wasser?
Julia Annina Jorges: Ebenfalls mit elf Jahren (sollte mir das zu denken geben?) hatte ich eine aufregende Erfahrung während eines Urlaubs mit meinen Eltern in Irland und einem Hausboot auf dem Shannon. Unsere Nussschale geriet auf einem der großen Seen, dem Lough Derg, in einen der (zumindest für Landratten) ohne Vorwarnung aufziehenden Stürme, erstaunlicherweise in Verbindung mit einem Nebel, der „The Fog“ alle Ehre gemacht hätte, und wäre fast gekentert. Die Situation war tatsächlich ziemlich bedrohlich, meine Mutter hatte uns Kinder bereits in Rettungswesten gesteckt, obwohl ich das damals nicht so empfand. Im Kielwasser eines zufällig kreuzenden größeren Schiffs retteten wir uns in den Hafen. Mir flößte das Tosen der Elemente zwar gewaltigen Respekt ein, gleichzeitig fand ich es großartig. Noch heute führt mir dieses Erlebnis die Vielfältigkeit und Wandelbarkeit des Wassers vor Augen. Wasser ist das symbolträchtigste der Elemente und es ist launisch – das bin ich (leider) auch nicht so selten.
Isabella Benz: *lach* Manchmal muss das einfach sein 😉 Vielen Dank für diese ehrlichen Antworten! Und für euch habe ich hier nun noch den obligatorischen Textschnipsel aus Julias Kurzgeschichte „Die Seele des Flusses“:

Bei Nacht wirkte der Fluss noch beeindruckender als bei Tage: Mit Getöse schossen die dunklen, eisigen Wasser hinab ins Tal, um sich mit den warmen, salzigen Fluten des Meeres zu vereinigen. Allenthalben bildeten sich Wirbel, weiße Gischt sprühte. Reglos stand Hermo da und betrachtete das Spiegelbild des funkelnden Firmaments; Myriaden glitzernder Pünktchen, die auf den Wellen tanzten.

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Leonie Halter

Isabella Benz: Diesmal haben wir eine besondere Autorin auf unserer Couch sitzen. Sie hat nämlich im Gegensatz zu meinen bisherigen Kandidaten keine Kurzgeschichte zur Anthologie „Wenn alte Wellen singen“ beigesteuert, sondern ein Gedicht! Dazu aber später mehr. Zunächst, liebe Leonie, würde mich interessieren: Schwimmst du gerne?
Leonie Halter: Wenn das Wasser so klar ist, dass man bis auf den Boden sehen kann, gehe ich sehr gerne schwimmen, aber wenn es so dunkel und tief ist, dass man nicht weiß, was gerade unter einem ist, bleibe ich lieber draußen. Der weiße Hai lässt hier wohl grüßen.
Isabella Benz: Uh, den Film finde ich aber auch gruselig! Das kann ich gut verstehen! Du hast dich ja aber trotzdem für eine eher … mmh, „düstere“ Gestalt von phantastischen Wasserwesen als Hintergrund ausgesucht. Magst du uns verraten, warum?
Leonie Halter: Mir haben schon als Kind die Bösewichte in den Filmen immer besser gefallen, als die Guten. Auch wenn der Böse am Ende meistens stirbt, kann man ihm doch in der Regel einen gewissen Charme nicht absprechen. Wie z.B. dem Scar in „Der König der Löwen“. Natürlich muss er am Ende sterben, aber ohne ihn wäre die Geschichte wahrscheinlich ziemlich langweilig. Auch in meinen eigenen Geschichten sind mir die zwielichtigen Charaktere oft die liebsten. Dementsprechend nehmen sie in meinen Arbeiten immer einen entscheidenden Teil ein.
Und um genauer zu sagen, worum es geht: Mein Gedicht handelt von Sirenen. Sirenen sind wohl der Inbegriff des Bösen: Hundertprozentig tödlich und doch wunderschön anzusehen. Das macht sie in meinen Augen so faszinierend. Sie haben zwei Gesichter. Sie versprechen auf den ersten Blick etwas anderes, als sie in Wirklichkeit sind. Der Seemann, der von ihnen bezirzt wird, kann nur verlieren, da er ihr Spiel nicht durchschaut. Er verfällt ihnen, und besiegelt damit sein Schicksal. Erst am Ende erkennt er ihre wahre Natur.
Isabella Benz: Wollen wir einmal einen kurzen Blick in dein Gedicht werfen?

Hörst du, mein Sohn, den Gesang der Verfluchten,
den Gesang, der dort klinget im Meer?

Schreibst du eigentlich nur Gedichte oder auch Kurzgeschichten?
Leonie Halter: Ich schreibe sowohl Gedichte als auch Kurzgeschichten. Diese behandeln meist düstere oder dramatische Themen. Es kommt, denke ich, immer auf die Thematik an. Manche Inhalte arbeitet man besser heraus, indem man diese kurz und prägnant fasst. In diesem Fall schreibe ich dann ein Gedicht. Ist der Inhalt jedoch komplexer eignet sich eine Kurzgeschichte besser.
Isabella Benz: Seit wann schreibst du denn? Und was ist für dich das Wichtigste beim Schreiben?
Leonie Halter: Ich hatte als Jugendliche eine rege Phantasie und verträumte manche Mathestunde indem ich mir Geschichten ausdachte. Ich begann viele Bücher, die ich aber nie zu Ende schrieb. Irgendwann sagten meine Eltern, dass sie mir helfen würden, mein Buch verlegen zu lassen, sollte ich jemals eines zu Ende schreiben. Mein Ehrgeiz war geweckt. So entstand mein erster Roman. Ich war damals sechzehn. Seitdem gehört das Schreiben zu meinem Leben.
Das Wichtigste ist für mich eine gute Idee, denn nur aus einer guten Idee wird auch eine gute Geschichte / ein gutes Gedicht.
Einen Tipp den ich allen potenziellen Autoren/Autorinnen mitgeben kann ist folgender: Nur nicht verzweifeln. Schreiben ist viel Arbeit, besonders wenn es um einen ganzen Roman geht. Es wird immer jemand geben, dem die Geschichte nicht gefallen wird. Dennoch sollte man sich von ein paar kritischen Stimmen oder auch Absagen nicht entmutigen lassen, sondern seinen Weg weitergehen.
Isabella Benz: Vielen Dank für diese ermutigenden Worte!

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Kathrin Pohl

Isabella Benz: Kathrin Pohl hat eine besonders düstere Geschichte für die Anthologie „Wenn alte Wellen singen“ verfasst. Die Stimmung der Geschichte klingt bereits in den ersten paar Sätzen deutlich an:

Still ruht der Fluss. So sagten die Leute. Agnisa wusste es besser. Denn sie konnte das Flüstern des Wassers verstehen. Vom Werden und Entstehen erzählten die winzig kleinen Wellen, die sich um ihre Finger sammelten, von Hoffnung, von Liebe – und vom Tod.

Liebe Kathrin, erzähl uns bitte ein bisschen etwas über deine Kurzgeschichte. Was hat dich zu dieser Geschichte inspiriert?
Kathrin Pohl: Tatsächlich war es bei mir der Handlungsort und nicht der historische Hintergrund, der als erstes feststand. Der Spreewald ist eine verwunschene Gegend, ein Ort jenseits aller Zeit, durch den sich das Wasser gleich einer pulsierenden Lebensader zieht. An diesem Ort musste einfach meine Geschichte spielen.
Das fünfzehnte Jahrhundert ist im Spreewald eine spannende Zeit. Deutsche und Sorben lebten zwar schon länger zusammen, nun jedoch stagnierte die wirtschaftliche Entwicklung, wodurch aus Nachbarn plötzlich Konkurrenten wurden. Die fragilen Beziehungen zwischen Sorben und Deutschen drohten aus dem Gleichgewicht zu geraten. Meine Geschichte in dieser Zeit anzusiedeln, bot viel Raum für Konfliktpotential. Wie weit darf man gehen, um den Tod seines Kindes zu rächen? Oder anders gefragt: Darf das Fortbestehen einer Gemeinschaft tatsächlich Vorrang vor der Suche nach Gerechtigkeit haben?
Isabella Benz: Du schreibst ja aus der Sicht einer Mutter, die ihr Kind verloren hat. Wie war es für dich, diese Perspektive einzunehmen?
Kathrin Pohl: Ich bin selbst Mutter, von daher fiel es mir erstaunlich leicht, diese Perspektive einzunehmen. Es gab diesen Moment, kurz nachdem meine Tochter geboren wurde und ich sie das erste Mal im Arm hielt. In diesem Augenblick wusste ich, dass ich jederzeit mein Leben geben würde, wenn ich ihres damit retten könnte. Das klingt absolut kitschig, aber diese bedingungslose Liebe zwischen Mutter und Kind ist einfach mit nichts zu vergleichen. Deshalb gibt es für eine Mutter nichts Schlimmeres, als ihr Kind zu verlieren. Und jedes Mal, wenn meine Tochter nur etwas später aus der Schule kommt, klopft mein Herz schneller, auch wenn mein Verstand gelassen bleibt.
Glücklicherweise habe ich bisher nur davon geträumt, mein Kind zu verlieren. Im Traum überquerten wir eine Brücke, meine große Tochter machte irgendeinen Blödsinn, ich schimpfte mit ihr, drehte mich zu der kleinen um, und sah gerade noch, wie diese auf der Brüstung saß, mir zuwinkte und dann hinein ins Wasser stürzte. Träume können furchtbar sein. Für eine Autorin sind sie jedoch auch Quelle der Inspiration. Denn in diesem Augenblick habe ich all die schwarzen Gefühle durchlebt, die eine Mutter überfluten, wenn sie ihr Kind verliert – und konnte diese nun in meine Geschichte einfließen lassen.
Isabella Benz: Wow, das klingt, als ob du wirklich ganz in deiner Protagonistin versunken bist. Ist das für dich auch das Wichtigste beim Schreiben?
Kathrin Pohl: Es gibt so vieles, was beim Schreiben für mich wichtig ist, dass es mir schwer fällt, ein einziges herauszugreifen. Vielleicht ist es für mich am Wichtigsten, dass man sich wirklich Zeit für die Figurengestaltung nimmt. Immerhin verbringt man die nächsten Monate mit ihnen. Da sollten sie einem zumindest sympathisch sein – oder einen faszinieren. Antagonisten sind selten sympathisch, dennoch macht es manchmal mehr Spaß sie zu schreiben als die edlen Protagonisten. Das ist auch mein Tipp für Schreibbegeisterte. Nehmt euch Zeit für eure Figuren. Gestaltet sie mit Ecken und Kanten, quält sie, lasst sie leiden, gebt ihnen eine Hintergrundgeschichte, lasst sie sich entwickeln und zu Personen werden, die jeder gerne kennenlernen würde. Das muss noch nicht bei der 1. Fassung perfekt sein. Wozu gibt es schließlich eine zweite Fassung, und eine dritte, und eine vierte…
Isabella Benz: Hinter dieser Aussage scheint einiges an Erfahrung zu stecken. Seit wann schreibst du eigentlich?
Kathrin Pohl: Schreiben tue ich, seit ich denken kann. Schon immer waren diese Geschichten in meinem Kopf, Filme, die ich weiterleben wollte, Bücher, von denen ich glaubte, ich könne sie besser schreiben, als der Autor. Ja, als Kind ist man noch ein wenig größenwahnsinnig. Meine ersten Ergüsse waren eine Karl-May-Fanfiction und ein Entdeckungsbericht, den wir im Kunstunterricht anfertigen sollten, mit der Vorgabe, ein wenig Text zu vielen Bildern zu schreiben. Ich kehrte das Verhältnis ein klitzekleines Bisschen um, und schenkte das 100-Seiten-Werk meiner gesamten Familie zu Weihnachten. Netterweise freuten sie sich darüber.
Immer noch spuken Geschichten in meinem Kopf herum und wollen aufgeschrieben werden. Und es ist ein unglaubliches Gefühl, wenn diese Geschichten meinen Kopf verlassen und als Wörter aufs Papier fließen, um wieder und wieder überarbeitet zu werden, bis am Schluss ein fertiges Manuskript entstanden ist, das so viel mehr ist, als ich mir zuvor erträumt habe.
Isabella Benz: Zum Abschluss würde ich dir gerne noch die Frage der Fragen für diese Anthologie stellen: Wie stehst du persönlich zu Wasser?
Kathrin Pohl: Wasser übt auf mich eine besondere Faszination aus. Es ist so vielseitig. Dunkel und geheimnisvoll, wild und ruhig zugleich, und die lauteste Form der Stille in dieser Welt. Als Kind bin ich jedes Jahr im Sommer nach Spanien gefahren. Dort am Strand zu liegen und das Rauschen der Wellen zu hören, neben dem alle anderen Geräusche zu bedeutungslosem Gemurmel vergingen – das war für mich Entspannung in Reinform. Hinauszuschwimmen jedoch hat mir Angst gemacht. Weil ich nie wusste, was unter der Oberfläche lauert.
Isabella Benz: Ich muss zugeben, ich finde diese Angst ist durchaus positiv in deine Kurzgeschichte eingeflossen, diese Ambivalenz, die du hier beschreibst, finde ich super gut spürbar. Vielen Dank für deine offenen und ehrlichen Worte!

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