Tino Fremberg

Ja, er war ein Exzentriker. Er war kompliziert, launisch, hatte einen verdrehten Schlafrhythmus und er machte es den Dienstboten alles andere als leicht. Aber dafür bezahlte er diese Leute schließlich. Und das nicht zu knapp!
Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Ausatmen.
Es gab wirklich keinen Grund sich aufzuregen, sagte er sich. Seine Arbeit machte gute Fortschritte. Nicht mehr lange, dann würde er einen passenden Ort auswählen können. Er konnte nur hoffen, dass keine allzu lange Wartezeit auf ihn zu kam.
So stellt sich der Erzähler der in der Anthologie „Gesänge aus Dunklen Zeiten“ erschienen Kurzgeschichte „Umbra“ vor, in der Tino Fremberg von einer außergewöhnlichen Persönlichkeit erzählt, die versucht, eine Sonnenfinsternis auf die Minute genau zu berechnen. Doch wozu braucht der Protagonist diese Sonnenfinsternis? Um das zu erfahren, müsst ihr die Kurzgeschichte gelesen, aber um mehr über den Autor zu erfahren, seid ihr hier genau richtig, denn heute darf ich Tino Fremberg bei mir auf der Autorencouch begrüßen.
Isabella Benz: Herr Fremberg, hängt Ihre Idee, in der Kurzgeschichte mit einer Sonnenfinsternis zu operieren, mit Ihrem Studium der Physik zusammen?
Tino Fremberg: Die Idee nicht unbedingt, eher die Umsetzung würde ich sagen.
Isabella Benz: Was machen Sie außer dem Schreiben in Ihrer Freizeit und würden Sie sagen, dass das Ihre Schreiberei beeinflusst?
Tino Fremberg: Ich spiele Schach, lese und schaue Filme. Ich denke, alles was ich erlebe beeinflusst die Schreiberei mehr oder weniger. Überall trifft man Menschen und hört Anekdoten. Für besonders wichtig halte ich das Lesen, denn das hat Einfluss auf den Schreibstil.
Isabella Benz: In einer historischen Kurzgeschichte ist es ja auch wichtig, einen gewissen Sprachstil zu erwischen, was nutzen Sie, um diese Sprache zu erlangen?
Tino Fremberg: Ich habe einige historische Romane und Geschichten gelesen.
Isabella Benz: Ist das auch das Genre, in dem sie sich am liebsten bewegen? Oder schreiben Sie noch in anderen Genres?
Tino Fremberg: Ich mag es mittelalterlich und spannend bis gruselig. Letzteres darf auch gerne in der heutigen Zeit angesiedelt sein.
Isabella Benz: Welches Fabelwesen mögen Sie am liebsten?
Tino Fremberg: Mein Lieblingsfabelwesen ist der Drachen.
Isabella Benz: Herzlichen Dank für das Interview.
Tino Fremberg: Gerne.
„gute Auflösung, für die es einige Hinweise gab (aber ich bin trotzdem nicht drauf gekommen) und eine gute Mischung aus Historie und Phantastik.“ – Jana Hoffhenke

Susanne Haberland

In Ullesthorpe kommt es zu mysteriösen Vorfällen: Tiere werden zerrissen aufgefunden, als ob ein großer Hund oder ein Wolf über sie hergefallen wäre. Doch es gibt keinerlei Spuren, die darauf hindeuten, dass sich ein Wolf oder ein streunender Hund in der Nähe aufhält. Der Duke of Lancester fürchtet, dass ein Dämon hinter den Angriffen stecken könnte. Deshalb bittet er Meister Wyclif um Rat. Der Geistliche soll gemeinsam mit seinem Schüler die Überfälle aufklären.
Mit „Die Bestie von Ullesthorpe“ von Susanne Haberland deckt die Anthologie „Gesänge aus Dunklen Zeiten“ ein weiteres Genre ab, in dieser Kurzgeschichte wird es nämlich kriminalistisch.
Isabella Benz: Wyclif und sein Schüler, die einen Kriminalfall lösen – ich muss zugeben, dass mich Ihr Duo ungemein an Sherlock und Watson erinnert hat. War das beabsichtigt?
Susanne Haberland: Sherlock Holmes und Doktor Watson sind natürlich Vorbilder für Meister Wyclif und Gilles, ebenso wie Umberto Ecos William von Baskerville und Adson von Melk und viele andere klassische Detektivpaare. Eine kriminalistische Geschichte von einem Schüler des Detektivs erzählen zu lassen, hat viele Vorteile: Man kann die Gedankengänge des Ermittlers je nachdem, wie es passt, entweder über ein Gespräch mit dem Schüler erklären oder im Dunkeln lassen.
Isabella Benz: Das ist natürlich ein interessanter Kniff, danke, dass Sie uns darüber aufgeklärt haben. Das ist vermutlich ein Mitgrund, weshalb die Figur des Wyclif einen beinahe übermenschlichen Charakter hat. Ein anderer ist, wie der Duke Wyclif gleich zu Beginn vorstellt:
»Meister Wyclif«, wisperte er, »was ist das für ein Wesen, das keine Trittspur hinterlässt? Ein Dämon, der durch die Luft kommt und wieder verschwindet? Ihr seid ein Geistlicher und obendrein ein kluger Mann. Nein, widersprecht mir nicht. Ihr habt einen scharfen Blick, lasst Euch weder durch die Ehrfurcht vor Vorgesetzten noch den Hochmut gegenüber Untergebenen ablenken. Ich bitte Euch: Reist nach Ullesthorpe und untersucht diese Angelegenheit in meinem Namen!«
Schreiben Sie häufiger über solche Figuren? Oder ist das eher eine Ausnahme?
Susanne Haberland: Ich schreibe gern über historische Figuren und lasse sie auch im phantastischen Kontext oft mit Zitaten zu Wort kommen, und ja, da gibt es schon sehr viele faszinierende Persönlichkeiten. Auch John of Gaunt war ein außergewöhnlich facettenreicher Mensch, trotz seiner schlechten Presse zu Lebzeiten.
Isabella Benz: Das klingt, als ob Sie damit schon häufiger experimentiert hätten. Sind Sie denn meist im historischen Bereich tätig? Oder bedienen Sie noch weitere Genres?
Susanne Haberland: Ich schreibe meist Geschichten aus dem Bereich der Phantastik, aber weniger klassische Fantasy in der Nachfolge Tolkiens, sondern eher Geschichten aus den Grenzbereichen zum Historischen, das, was mein Vater (er ist pensionierter Deutschlehrer) „Historisches mit Viechern“ nennt. Insofern ist „Die Bestie von Ullesthorpe“ sehr typisch für meine Art, Geschichten zu erzählen.
Isabella Benz: Arbeiten Sie auch aktuell an etwas dergleichen?
Susanne Haberland: Mein erstes Buch, „Drachen, Gold und Gaunerehre“ ist seit Februar als E-Book erhältlich und wird demnächst auch als Printversion erscheinen. Die Geschichte spielt in einem viktorianischen London „mit Viechern“. Zurzeit arbeite ich an einem zweiten Roman, bei dem ich allerdings noch in den Anfangskapiteln stecke. Parallel dazu entstehen einige Kurzgeschichten für Ausschreibungen. Zurzeit boomt der Myth Punk, die Umsetzung lokaler Sagen oder Märchen in moderne Kurzgeschichten, das ist genau mein Ding.
Isabella Benz: Schön, dass der Trend Ihnen da so zuspielt. Möchten Sie zum Abschluss noch denjenigen Lesern, die selbst schreiben, einen Tipp mitgeben?
Susanne Haberland: Ich würde ihnen eindringlich raten, niemals für eine Veröffentlichung zu bezahlen. Ein Verlag, der Geld von den Autoren verlangt, ist nicht seriös, und wer seine Werke nicht anders publizieren kann, der schreibt vermutlich nicht gut genug und sollte entweder üben oder sich ein anderes Hobby suchen.
Isabella Benz: Eine klare Ansage. Herzlichen Dank dafür, dass Sie uns einen Einblick in Ihr Schreibleben gewährt haben.
Susanne Haberland: Auch Ihnen herzlichen Dank!
„Eine flüssige Kriminalgeschichte mit einer schaurig-schönen Atmosphäre.“ – Isabella Benz

Stefanie Bender

Im Mittelalter bot das Leben im Kloster einiges an Sicherheiten. Gerade jüngere Familienmitglieder, die nicht den Familienbesitz erben konnten, wurden häufig in Klöstern untergebracht. Doch das Leben dort war alles andere als einfach. Es war streng geregelt und wer gegen den vorgeschriebenen Tagesablauf verstieß, wurde hart bestraft. Es war definitiv kein Leben für Freigeister. Die Ich-Erzählerin der Kurzgeschichte „Träne der Novizin“, erschienen in der Anthologie „Gesänge aus Dunklen Zeiten„, kann sich mit den Zwängen des Klosters nicht anfreunden. Auf wenigen Seiten lässt die Autorin Stefanie Bender Sie deshalb ihrem tristen Alltag entfliehen – und verwischt damit die Grenzen zwischen Traum und Realität.
Isabella Benz: Frau Bender, möchten Sie uns vielleicht zu Beginn etwas über die Entstehung Ihrer Kurzgeschichte erzählen? Wie sind Sie auf die Idee gekommen?
Stefanie Bender: Den Wunsch, eine historische Geschichte über eine Novizin in einem Kloster zu schreiben, hatte ich schon sehr lange. Ich recherchierte im Internet und in Büchern über das Klosterleben der Frauen im Mittelalter. Wie es mir so oft bei mittelalterlichen Recherchen passiert, war ich schnell gefesselt und schrieb die ersten Gedanken nieder. Die ersten Notizen entstanden in der S-Bahn auf dem Weg zur Arbeit. Zu diesem Zeitpunkt war ich mir noch nicht klar darüber, was ich mit der Idee anfangen möchte. Erst als ich 2010 eine Ausschreibung mit dem Thema „Nur eine Stunde“ entdeckte, wusste ich wohin die Reise ins Kloster gehen sollte: eine Kurzgeschichte, die Historik und Phantastik verbindet.
Isabella Benz: Haben Sie dann die Kurzgeschichte bereits zu besagter Ausschreibung eingesandt?
Stefanie Bender: So ist es. Ich habe die Träne der Novizin erst einem anderen Verlag für eine Anthologieausschreibung angeboten. Zu diesem Zeitpunkt war die Geschichte noch ein klein wenig anders aufgebaut, spielte nicht auf der Fraueninsel und war ein Stück kürzer.
Isabella Benz: Sie haben demnach eine Geschichte aufgewärmt und eingesandt – mit Erfolg! In Artikel 6 der Wettbewerbsnogos hatte ich ja die Frage aufgeworfen, ob es sinnvoll ist, eine einmal abgelehnte Kurzgeschichte noch einmal anderweitig einzusenden – was waren für Sie Gründe, es mit der Story noch einmal zu versuchen? Und was sollte man Ihrer Meinung nach in jedem Fall beachten, wenn man eine Kurzgeschichte, die ursprünglich für einen anderen Wettbewerb gedacht war, noch einmal einsendet?
Stefanie Bender: Da ich leider nie eine Antwort auf die Einsendung erhalten habe, landete die Novizin in der berüchtigten „Schublade“. Ab und an fragten mich meine Testleser, was ich mit der Geschichte nun machen will, da sie viel zu schade wäre, um einfach beiseitegelegt zu werden. Doch genau das tat ich. Bis zu dem Zeitpunkt, als ich die neue Ausschreibung des Burgenweltverlages las: „Gesänge aus dunklen Zeiten“. Zuerst dachte ich mir „das ist es!“, dann bekam ich Zweifel, ob eine Mischung aus Historik und Phantastik, die mit Traum und Wirklichkeit spielt in das Konzept des Verlages passt. Zum Schluss kramte ich dann doch die Novizin wieder hervor und schrieb eine neue Version – eine bessere! Möchte man eine alte oder schon einmal abgelehnte Kurzgeschichte erneut einsenden, sollte man sich die Zeit nehmen und in die Geschichte eintauchen, als hätte man sie selbst nicht geschrieben. Sich ganz fallen lassen, sie intensiv lesen und interpretieren. Meine Erfahrungen zeigen, dass man aus Asche einen Diamanten formen kann.
Isabella Benz: Das ist wirklich eine schöne Lebensweisheit! Übrigens haben wir für die Anthologie ja ausdrücklich nach einer Mischung aus Historik und Phantastik gesucht und das Spiel mit Traum und Wirklichkeit hat uns wirklich sehr gut gefallen. Von dem her passte es wie die Faust aufs Auge! Schreiben Sie denn häufiger in diesen Genres? Und lesen Sie solche Geschichten auch gerne?
Stefanie Bender: Meine größte Leidenschaft ist die Phantastik. Egal ob es sich um Romane handelt oder um die Geschichten, die ich selbst schreibe. Ich entdeckte die Liebe zur Fantasy und auch zur Historik schon sehr früh. Der Mut, eigene historische Geschichten zu schreiben, entwickelte sich aber erst in den letzten zwei bis drei Jahren. Großen Spaß macht mir die Verknüpfung meiner beiden Lieblingsgenres. Noch habe ich im Historical-Fantasy-Bereich nicht sehr viel vorzuweisen, doch ein großes Projekt befindet sich bereits in Planung.
Isabella Benz: Mögen Sie uns über dieses „große Projekt“ denn noch etwas mehr verraten? Oder bleibt das vorerst ein Geheimnis?
Stefanie Bender: Noch gibt es zum geplanten Projekt nicht viel zu erzählen. Vorgesehen ist ein historisch-fantastischer Roman, der in Deutschland im frühen Spätmittelalter angesiedelt ist, und eine spannende sowie dramatische Familiengeschichte erzählt. Im Mittelpunkt stehen: eine schwarze Burg, ein blutrotes Erbstück und eine blaue Eule. Mehr jedoch verrate ich nicht.
Isabella Benz: Na, da sind wir aber gespannt, wie sich das Projekt weiter entwickelt.* Zum Schluss möchte Ich gerne von Ihnen erfahren: Wenn Sie eine Süßigkeit wären, was wären Sie und was sagt das über sie aus?
Stefanie Bender: So eine Frage ist mir noch nie gestellt worden. Ich denke ich bin ein Oreo Keks Wenn man ihn anschaut, sieht man nur zwei Farben: Schwarz und Weiß Und wie wir aus der Reklame wissen, sind manche noch nicht so weit ihn auf bestimmte Weise zu öffnen. Nicht jeder schafft es, in mich hineinzublicken, mich zu verstehen. Ich bin ein offenes Buch und gleichzeitig ein beständiges Mysterium. Mit mir wird es ganz gewiss nie langweilig.
Isabella Benz: Vielen Dank für diese informativen und erfrischenden Antworten!
Stefanie Bender: Auch ich sage danke für das Interview. Es hat Spaß gemacht.
Blut rauschte in meinen Ohren und schob das Summen der betenden Schwestern in weite Ferne. Martha kniete zu meiner Seite und sprach monoton die erlernten Worte des lateinischen Gebets, während ich schwieg und mich auf den Schmerz konzentrierte. Ich presste die Hände mit Gewalt ineinander in der Hoffnung, die Knochen brechen zu hören. Mit verkrüppelten Fingern würde ich keine Buchstaben schreiben und keine Abschrift anfertigen können. Obwohl … in Gedanken sah ich mich die Feder mit den Zehen führen, im Rücken den strafenden Blick einer Nonne. Ich traute ihnen alles zu – wirklich alles. So lockerte ich meinen Griff, als der Singsang verebbte.
„Die Geschichte spielt auf eine wunderbare Weise mit Traum und Wirklichkeit. Sie liest sich flott, macht Spaß, ist ausgezeichnet formuliert.“ – Michéle-Christin Jehs
Weitere Informationen über die Autorin: Homepage von Stefanie Bender

Sabrina Železný

Wieder einmal singt sie in Tahirs Träumen: ein Lied aus Kristall, im Mondlicht schimmernd. Ihr Lachen perlt im Springbrunnen des Löwenhofs, und als die Wirklichkeit mit Fingern aus Morgensonne nach Tahir greift, presst er die Augen zusammen, bis es weh tut, weicht zurück in den hintersten Winkel des Traums und hört dem Silbersang zu. Ein Lichtstrahl sticht in seine Lider, durchbohrt den Traum und lässt nur Scherben und Schweigen zurück.
Diese Zeilen sind der Anfang der Kurzgeschichte „Granadas rote Sonne“, erschienen in der Anthologie „Gesänge aus Dunklen Zeiten„. Tahir lebt in Granada, als dieses belagert wird. Kann er verhindern, dass die Stadt eingenommen wird? Oder muss Granada kapitulieren?
Die Autorin hinter dieser Geschichte ist Sabrina Železný, die diesen Samstag auf der Autorencouch sitzt, um mir Rede und Antwort zu stehen.
Isabella Benz: Frau Železný, Sie haben eine Kurzgeschichte zu der Anthologie „Gesänge aus Dunklen Zeiten“ beigesteuert, mögen Sie uns vielleicht erst einmal erzählen, wie Sie auf die Ausschreibung aufmerksam geworden sind?
Sabrina Železný: Genaugenommen habe ich schon beim BuCon 2012 in Dreieich munkeln gehört, dass eine solche Ausschreibung geplant ist, und dann natürlich sehr gespannt auf den offiziellen Start und die Rahmenbedingungen gewartet. Gefunden habe ich sie dann, weil sie im Autorenforum Tintenzirkel vorgestellt wurde.
Isabella Benz: Sie sind also bereits seit längerem in der Autorenszene unterwegs und haben schon an mehreren Kurzgeschichtenausschreibungen teilgenommen. Zudem schreiben Sie neben Kurzgeschichte auch Romane. Sehen Sie denn ein verbindendes Element zwischen Ihren Projekten?
Sabrina Železný: Ja. Bei mir spielen sehr häufig lateinamerikanische und spanische Schauplätze eine Rolle, das ist in den meisten meiner Projekte ein recht deutlicher roter Faden. Der zweite Aspekt ist sicherlich meine Liebe zu den verschiedenen Mythologien. Wenn meine Geschichten in Lateinamerika spielen, verwende ich zum Beispiel häufig mythische Wesen und Ideen indigener Kulturen, aber ich interessiere mich nicht nur für dieses Gebiet. Bei den »Gesängen aus dunklen Zeiten« hatte ich auch gleich im Hinterkopf, dass sich mit dem Schauplatz des maurischen Spaniens und Wesen der arabischsprachigen Sagenwelt eine spannende Geschichte erzählen lässt.
Isabella Benz: Das ist spannend und greift meiner nächsten Frage sogar ein wenig vor. Aber was genau hat Sie denn zu Ihrer Kurzgeschichte „Granadas rote Sonne“ inspiriert? Wie sind Sie insbesondere auf die arabische Sagenwelt aufmerksam geworden?
Sabrina Železný: Ich habe als Kind »Tausendundeine Nacht« verschlungen, teilweise heimlich, weil meine Eltern sich nicht sicher waren, ob ich für die Lektüre nicht doch noch zu jung war. Seitdem hat mich diese Welt immer auch ein wenig begleitet. Aber die eigentliche Inspiration für die Kurzgeschichte ist wohl Granada selbst. Das ist eine ungeheuer faszinierende Stadt, das letzte maurische Bollwerk auf der iberischen Halbinsel, und die spanische Rückeroberung Granadas 1492 markiert ja auch einen bedeutsamen Punkt in der Geschichte: Kolumbus soll sozusagen vor den Toren Granadas die spanischen Könige für seine Suche nach dem alternativen Seeweg nach Indien gewonnen haben. Wo er stattdessen ankam, wissen wir alle. Aber auf alle Fälle konnte ich gar nicht anders, als die maurische Welt mitzudenken, wenn ich über Granada in den Tagen seiner Belagerung schreiben wollte.
Isabella Benz: Durch die „maurische Welt“ hat natürlich auch das Arabische eine Bedeutung in Ihrer Kurzgeschichte erhalten. Operieren Sie gerne mit fremden Sprachen? Wie viele Sprachen beherrschen Sie denn? Und wenn Sie für eine Kurzgeschichte eine andere Sprache nutzen, wie (intensiv) arbeiten Sie sich in diese Sprache ein?
Sabrina Železný: Ich sage immer gern, dass ich meine intensivsten Beziehungen nicht mit Männern habe, sondern mit Fremdsprachen. Tatsächlich arbeite ich gern und viel mit Sprachen. Im Falle des Arabischen hatte ich das Glück, dass ich das drei Semester lang an der Uni hatte. Was während meiner ersten Reise nach Peru übrigens dazu führte, dass ich auf einer Insel im Titicaca-See hockte, mich mit einer Einheimischen unterhalten musste, die fast nur die indigene Sprache Quechua sprach … und mir alles auf Arabisch einfiel.
Ich bin also bekennende Sprachenfanatikerin. Neben meinen Grundkenntnissen in Arabisch und Quechua spreche ich Spanisch, Französisch und Englisch und auch etwas Tschechisch. Das sind also Sprachen, die ich relativ sicher im Rahmen von Kurzgeschichten verwenden kann.
Grundsätzlich versuche ich immer, mich so gut einzuarbeiten, wie es geht. Für »Granadas rote Sonne« habe ich teilweise auch den Google-Translator bemüht, konnte aber durch meine Erinnerungen an den Sprachkurs ganz gut verifizieren, dass es stimmte, was mir das Programm vorschlug, und vor allem konnte ich die arabischen Schriftzeichen lesen, um für die Geschichte eine brauchbare Umschrift zu machen. Wenn ich bei einer fremdsprachlichen Wendung nicht sicher bin, ob die wirklich so stimmt, lasse ich sie im Zweifelsfall lieber weg.
Isabella Benz: Möchten Sie unseren Lesern zum Abschluss noch etwas Privates über sich verraten? Wenn Sie ein Obst wären, was für eine Sorte wären Sie? Und was verrät uns das über Sie?
Sabrina Železný: Ich hoffe, ich wäre eine Lúcuma – das ist eine Frucht aus Peru, die ich sehr liebe. Einfach reinbeißen sollte man nicht, aber ansonsten: angenehm im Geschmack, unglaublich vielseitig, erfrischend und passt auch gut zu Schokolade. Ich bilde mir ein, da finde ich mich wieder …
Isabella Benz: Aha, darf ich das einmal interpretieren? Man darf Sie nicht überfallen, aber wenn man sich Ihnen vorsichtig nähert, kann man sehr viele verschiedene Seiten an ihnen entdecken und Sie sind immer für ein erfrischendes Gespräch zu haben?
Sabrina Železný: So ist es, auch wenn ich zuweilen auch für Überfälle zu haben bin. Und ich hoffe auch, dass das mit der Vielseitigkeit und dem Erfrischenden sich ein Stück weit auf das übertragen lässt, was ich schreibe. Aber das können am Ende natürlich nur die Leser entscheiden.
Isabella Benz: Da haben Sie natürlich Recht. Vielen Dank für das Interview!
Sabrina Železný: Sehr gerne. Vielen Dank für die spannenden Fragen!
„Die Autorin hat unglaublich viel Talent. Ein literarisches Highlight der Ausschreibung.“ – Jana Hoffhenke
Weitere Informationen über die Autorin: Homepage von Sabrina Železný

Sabine Gothan

Nein, Arthur Pendragon war kein Held.
Noch in meine letzten Augenblicke schleicht sich sein dunkler Schatten, während ich warte, dass die Nacht in ihrem Lauf den Punkt erreicht, an dem mein Zauber sich entfalten kann. Ich verschließe meine Sinne vor den Stimmen und dem Wissen, das der Wind mir zuraunt. Schon jetzt, so kurz nach seinem Ende, verbreiten Arthurs Anhänger die Kunde, er sei nicht nur der einstige, sondern auch der künftige König. Eines Tages werde er zurückkehren aus dem Land des ewigen Sommers, um erneut zu herrschen.
Doch das werde ich zu verhindern wissen.
So beginnt die Kurzgeschichte „Dunkelster Zauber“, erschienen in der Anthologie „Gesänge aus Dunklen Zeiten„, von Sabine Gothan, in der sie die Arthus-Saga in ein neues Gewand kleidet. Vermutlich wurde diese Version der Geschichte deshalb nicht weiter überliefert, weil es nicht im Geringsten dem „Mainstream“ der Zeit entsprach. Aber womöglich verrät es die Wahrheit über den „Helden“ des Mittelalters, dessen Lebensgeschichte heutzutage schon in so vielen Facetten beleuchtet wurde?
Isabella Benz: Frau Gothan, in Ihrer Kurzgeschichte „Dunkelster Zauber“ ziehen Sie den strahlenden Helden einmal gehörig durch den Dreck und nehmen ihm jeglichen Glanz. Machen Sie so etwas häufiger?
Sabine Gothan: Leider viel zu selten! Vielleicht ist diese Art zu schreiben ein Weg, zu kompensieren, dass ich im wahren Leben zu mitfühlend und rücksichtsvoll bin. Aber ich denke, es gibt darüber hinaus auch für diese Verfahrensweise drei unterschiedliche Inspirationsquellen: Einmal mache ich schon mein Leben lang die Erfahrung, dass ich Menschen häufig ganz anders wahrnehme, als dies andere Menschen zunächst tun. In der Regel stellt sich dann im Laufe der Zeit heraus, dass ich von Beginn an mit meiner Einschätzung richtig lag. Manchmal bin ich ob meiner intuitiven Menschenkenntnis schon von Kollegen verdächtigt worden, Gedanken lesen zu können. Dabei bleibt es für mich oft unverständlich, warum sich andere Menschen so leicht hinter’s Licht führen lassen.
Weiterhin haben mich schon immer die tragischen Antihelden viel mehr fasziniert als die Lichtgestalten. Erstere bergen einfach viel mehr Potenzial. Die Unverstandenen, Ungeliebten, denen etwas Zerbrochenes anhaftet, sind für mich einfach tiefgründiger, da ist etwas, woran ich leicht anknüpfen kann.
Drittens habe ich sowohl in Führungskräfteseminaren als auch im Berufsalltag gelernt, dass es in der Regel nicht das Mobbingopfer ist, das zuerst Anklage erhebt, sondern der Mobbende selbst, völlig unberechtigter Weise. Diesen Gedanken auf die Artussage zu übertragen, hat mich sehr gereizt. Von diesem Sagenkreis bin ich schon seit meiner Kindheit begeistert. Auch hatte ich schon immer großes Mitleid mit Mordred bzw. Medraut, dem ungeliebten Kind. Von dem Gedanken, er könne zumindest ein nachvollziehbares, rechtfertigendes Motiv für sein Handeln gehabt haben, bis zu der Vorstellung, alles könnte ganz anders gewesen sein, war es dann nicht mehr weit.
Isabella Benz: Aufhänger für die Kurzgeschichte war also die Figur des Mordred? Aber zum Protagonisten haben Sie ihn trotzdem nicht gemacht. Die Ich-Erzählerin ist ja eigentlich Cwyllogm, eine Frau, der in jungen Jahren die Weihe zur Priesterin verwehrt wird, obwohl sie eigentlich genug Macht hätte, um zur nächsten Herrin des Sees zu werden. Meines Wissens nach ist diese Figur nirgends sonst belegt – oder täusche ich mich da? Wie sind Sie denn auf die Idee des Charakters gekommen?
Sabine Gothan: Ich wollte, wie man so schön sagt, eigene Spuren im Sand hinterlassen und nicht ausgetretenen Pfaden folgen. Und selbst zu Mordred gibt es ja mittlerweile Literatur, die ihn durchaus differenziert sieht. Bei meinen Recherchen bin ich tatsächlich auf die Figur der Cwyllogm gestoßen. Allerdings war nicht mehr über sie herauszufinden, als dass sie eine Prinzessin von Gwyneth sowie die zweite von Mordreds drei Ehefrauen gewesen sein soll. Auch sollte Mordred der Vater von Zwillingssöhnen gewesen sein, wobei unklar blieb, von welcher Ehefrau.
Die Zwillinge erschienen mir regelrecht als ein Zeichen, denn in meiner Geschichte sollte Mordred selbst ein Zwilling sein – und die Neigung zu Zwillingsgeburten ist ja zum Teil erblich bedingt. Da nichts zu ermitteln war, konnte ich in Cwyllogm projizieren, was ich wollte. Die alten heidnischen Religionen, vor allem in der britischen Tradition, übten schon immer eine gewaltige Anziehungskraft auf mich aus. Das geht soweit, dass zwei meiner Pferde Avalon und Samhain heißen. Da lag es nahe, Cwyllogm nach Avalon zu schicken. Priesterin von Avalon wäre sozusagen mein Traumjob, denn als Verfasserin von Fantasy-Geschichten liebe ich alle Anderswelten. Leider hat mich nie eine entsprechende Stellenausschreibung erreicht ;-).
Cwyllogm war ursprünglich als negativere Protagonistin angelegt. Aber wie alle meine Figuren entwickelte sie sehr schnell ein Eigenleben und übernahm ohne mein Zutun immer mehr meiner eigenen Charakterzüge. Nur ihre Neigung zur Rachsucht ist mir selbst völlig fremd. Seltsamerweise ist mir kurz nach Fertigstellung der Geschichte beruflich etwas Ähnliches widerverfahren wie Cwyllogm in Avalon: meine eigene Kompetenz fiel mir quasi fatal auf die Füße. Glücklicherweise ist das für mich nicht so ausgegangen wie für Cwyllogm, ganz im Gegenteil. Aber diese Duplizität der Fälle finde ich doch etwas gespenstisch!
Isabella Benz: Sie arbeiten hauptberuflich als Regierungsbeamtin und Richterin, ist das richtig? Wie lässt sich denn das Schreiben mit Ihrem Beruf vereinbaren? Und würden Sie sagen, dass die „Juristensprache“ Ihre Kurzgeschichten beeinflusst? Ich hatte nun zwar bei weitem nicht das Gefühl, einen juristischen Text zu lesen, aber wie und ob sich das komplett trennen lässt, frage ich mich dennoch.
Sabine Gothan: Tatsächlich gehe ich beruflich überwiegend juristisch mit Sprache um. Da ich im Laufe meines Berufslebens immer trockenere Rechtsmaterien betreuen musste, habe ich diese längere Zeit verdächtigt, meine Kreativität austrocknen zu lassen. Zum Glück hat sich das als Irrtum herausgestellt. Ganz im Gegenteil, ich denke, dass dieselben Fähigkeiten, die ich anwende, um einen Verordnungsentwurf zu verfassen, mir auch helfen, eine Geschichte zu strukturieren und stilistisch sauber zu formulieren. Eine gewisse Neigung zu Bandwurmsätzen von Proustscher Länge, wie man sie auch in Normen häufig findet, habe ich ohnehin. Diese Marotte ist mir aber wohl angeboren und nicht berufsbedingt. Ein viel größeres Problem ist dagegen der Zeitfaktor. Ich würde mir wirklich innig wünschen, viel mehr Zeit für das Schreiben aufwenden zu können.
Isabella Benz: Das kann ich mir gut vorstellen! Wie viel Zeit investieren Sie denn in der Regel in eine Kurzgeschichte, bis Sie damit zufrieden sind? Oder ist das je nach Kurzgeschichte ganz unterschiedlich?
Sabine Gothan: Hier muss ich zunächst etwas zum Entstehungsprozess sagen: In jedem Fall ist als erstes der Titel der Geschichte plötzlich da, sogar vor der Geschichte selbst. Dann in der Regel der erste Satz, im Idealfall als nächstes der letzte. Nun muss ich herausfinden, wie ich von A nach B komme. Ich beginne ausnahmslos erst zu schreiben, wenn ich die Geschichte im Grunde fertig im Kopf habe, meist sind dann einzelne Passagen sogar schon ausformuliert. Im Fall von „Dunkelster Zauber“ hatte sich die Geschichte in meinem Kopf in ein paar Tagen fertig abgespielt. Die Fantasygeschichte, die mich derzeit bewegt, spukt dagegen schon seit Monaten in meinem Kopf herum. Wieder waren erst der Titel da, und zusätzlich ein Zauberspruch in Gedichtform. Dann kamen irgendwann ein erster Schauplatz und schließlich der erste Satz. Dabei wusste ich wochenlang nicht, wer eigentlich der Protagonist sein würde, bis plötzlich ein Name auftauchte, der so bildhaft war, dass die Figur damit im Grunde abschließend definiert ist. Geschrieben habe ich aber davon noch kein Wort. Ich warte erst, wo die Reise hingeht. Überarbeitungen gehen bei mir daher sehr schnell und beschränken sich auf Tippfehler und das Ausmerzen von Wiederholungsfehlern.
Isabella Benz: Das ist ja auch bewundernswert, ich brauche für die Überarbeitung zum Teil eine halbe Ewigkeit. Als Letztes muss ich zugeben, dass ich über einen Satz in ihrer Vita gestolpert bin, und zwar über Folgenden: „Sie bremst daher auch für Fabeltiere.“ Mögen Sie dazu noch Stellung nehmen?
Sabine Gothan: Der Satz „Sie bremst daher auch für Fabeltiere“ soll ein Wortspiel sein zu dem früher allseits verbreiteten Autoaufkleber: „Ich bremse auch für Tiere.“ Ein Leben ohne Tiere wäre für mich schwer vorstellbar, und in meinen Geschichten spielen Fabelwesen einfach eine sehr große Rolle. Die fiktionale Welt eines Geschichtenerzählers steht meiner Meinung nach in einer Wechselwirkung mit seinem tatsächlichen Leben. Das sollte damit augenzwinkernd ausgedrückt werden. Ich gebe zu, dass man nicht ahnen kann, dass es gleichzeitig eine Anspielung sein soll auf Rilkes „O dieses ist das Tier, das es nicht gibt“. Wurde die Schöpferkraft der Phantasie je schöner beschrieben als in diesem Gedicht?
Mir persönlich gefallen Autorenporträts außerdem besser, wenn sie ein wenig Humor mitbringen. Sie bleiben mir dann auch besser im Gedächtnis, wenn ich erfahre, dass eine Autorin zum Beispiel verrückte alte Hüte sammelt. Das ist für mich einfach aussagekräftiger und interessanter als zu wissen, ob jemand nun zwei oder drei Kinder hat.
Isabella Benz: Nun, mich haben Sie auf jeden Fall zum Schmunzeln gebracht. Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für das Interview genommen haben und für diese erfrischenden Antworten.
„Wieder so eine Geschichte, die beim Lesen einfach begeistert. Mehr als gelungen geschrieben, die Zeilen fliegen nur so dahin, gefällt. Und die Gänsehaut am Ende war noch viel toller als alles Vorangegangene. Top! Diese Geschichte muss! In die Antho!“ – Michéle-Christin Jehs

Sabine Frambach

„Die Pest (lateinisch pestis ‚Seuche‘) ist eine hochgradig ansteckende Infektionskrankheit, die durch das Bakterium Yersinia pestis ausgelöst wird. Sie ist ursprünglich eine Zoonose von Nagetieren (Murmeltiere, Ratten, Eichhörnchen), bei deren Populationen sie enzootisch sein kann.“ – Quelle: Wikipedia.
Die Krankheit, die man am meisten mit dem Mittelalter verbindet, ist die Pest. So waren wir auch froh, dass eine Kurzgeschichte darüber uns so überzeugen konnte, dass wir sie in die Anthologie „Gesänge aus Dunklen Zeiten“ aufgenommen und damit ein wichtiges Ereignis ebenfalls abgedeckt haben. Die Kurzgeschichte lautet „Nur ein Hauch“ und wurde von der Autorin Sabine Frambach verfasst.
Isabella Benz: In Ihrer Kurzgeschichte wird die Pest-Thematik näher beleuchtet – auf welche Weise wird hier selbstverständlich nicht verraten – aber was hat Sie daran gereizt? Oder würden Sie bei Ihrer Kurzgeschichte eher einen anderen Schwerpunkt setzen, der Ihnen besonders wichtig war?
Sabine Frambach: Die Geschichte entstand wie der Großteil meiner Erzählungen aus einem Traumbild: Ein junges Mädchen tanzt auf einem Maskenball. Ich suche bei Geschichten selten erst ein Thema aus, sondern beginne mit solch einem Bild und webe erst dann den Unterbau. Als hochgradig ansteckende Infektionskrankheit bot sich die Pest an. Der schwarze Tod wütete durch Europa, tobte durch die Gassen der überfüllten Städte und fuhr mit den Schiffen über die Meere. Ich habe gerade gelesen, dass sich in Hamburg reiche Familien sogar Medaillen für die überstandene Pest anfertigen ließen. Auf einer dieser Medaillen ist ein Baum zu sehen, daneben steht der Sensenmann. Die Inschrift lautet: „Es ist besser beschnitten, als ganz und gar umgehauen zu werden.“
Mich persönlich reizt nicht die Seuche allein, sondern vor allen Dingen der Umgang der Menschen mit Krankheiten. Glaubten sie, eine Krankheit sei ihr Schicksal, eine Strafe, Zufall? Dachten sie, der Sensenmann streife durch die Gassen? Welche Heilmethoden waren zu dieser Zeit bekannt? Auf diesen Fragen lag mein Hauptaugenmerk bei der Recherche.
Isabella Benz: Und zu welchen Ergebnissen kamen Sie dabei? Die Pest machte ja keinen Unterschied zwischen arm und reich, aber gab es denn Unterschiede im Umgang mit dieser oder ähnlichen Krankheiten innerhalb der sozialen Schichten?
Sabine Frambach: Soweit ich nachgelesen habe, vermuteten die Menschen damals sehr verschiedene Ursachen. Manche nahmen an, dass es eine Strafe Gottes war. Bittgottesdienste und Pilgerfahrten folgten. Manche zogen durch die Städte und geißelten sich selber. Auch der Aberglaube nahm zu. Angesichts einer solchen Epidemie wurden auch die eigenartigsten Ratschläge befolgt. Öffne dein Fenster nur nach Norden oder meide die Luft über stehenden Gewässern. Dies zeigt die Hilflosigkeit der Menschen. Ärzte behandelten damals nach den Lehren der vier Körpersäfte Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle. So ließ man sie zur Ader und schwächte vermutlich den Körper noch mehr. Als Ursache für Krankheiten wurden oft Dämpfe aus der Erde oder Winde vermutet. Selbst Sternenkonstellationen vermutete man als Ursache für die Pest.
Allerdings gab es auch richtige Ideen: So sollten einlaufende Schiffe in Quarantäne (vierzig Tage). Dies verhinderte zwar, dass kranke Menschen von Bord gingen; doch die Ratten liefen über die Schiffstaue. Eine Ansteckung von Tier zu Mensch war, soweit ich weiß nicht bekannt. Der Schwarze Tod führte in einigen Gegenden zu obsessiven Feiern und Gelagen; jede Minute des kostbaren Lebens sollte genossen werden, denn es konnte schnell vorbei sein.
Sehr interessant finde ich die Frage, inwieweit sich die sozialen Schichten im Umgang mit dem Schwarzen Tod unterschieden. Auf jeden Fall hatten reichere Menschen eine höhere Überlebenschance. Sie konnten eine Pilgerfahrt antreten oder auf das Land flüchten. Die hygienischen Verhältnisse waren besser als bei den Armen. Und sie konnten einen Arzt konsultieren. Menschen der Unterschicht landeten in Lazaretten und verließen diese selten lebend. Dennoch traf es auch reiche Familien. Ein gravierender Unterschied liegt meines Erachtens darin, dass die Reichen die Ärmsten und die Außenseiter als Sündenböcke nutzten. So wurden Juden verdächtigt, die Brunnen zu vergiften und so die Epidemie ausgelöst zu haben. Es kam vielerorts zu Verfolgungen.
Ich weise noch darauf hin, dass ich keine Historikerin bin. Ich bin nur neugierig. Natürlich hoffe ich, dass mir keine großen Schnitzer beim Recherchieren passiert sind!
Isabella Benz: Diese Sorge kenne ich gut. Mir hat da mal ein Ratschlag geholfen, den ich gerne weiter geben möchte: Wir schreiben Belletristik, keine Sachbücher, und natürlich versuchen wir historisch so korrekt wie möglich zu sein, aber zum einen sind manche Themen in der Forschung selbst umstritten, und zum anderen gibt es in der Belletristik immer noch die kreativschaffende Freiheit des Schriftstellers. Werfen wir einmal einen kleinen Blick in das Werk, das Sie geschaffen haben:
Die Herrin überlegte. Die Aussicht, eine besonders schöne Frisur zu haben, lockte sie. Das Mädchen sah fremdländisch aus und kannte gewiss andere Flechten. Seidige Bänder zierten das weißblonde Haar. Sie kam aus Venedig, der Stadt feiner Stoffe und glänzendem Schmuck. Die Herrin wollte schön sein in der Nacht! »Nun gut. Komm herein. Du kannst mir helfen. Wie heißt du?«
Das Mädchen blickte wieder auf ihre Schuhe. »Nenne mich Abelina«, flüsterte sie.
Sie sind von der Perspektive her sehr weit von ihren Figuren weg. Ich wage es bei Ihnen ehrlich gesagt nicht, von Prota- und Antagonisten zu sprechen. Die Grenzen verwischen stark und beim Lesen hatte ich das Gefühl, ein eher unbeteiligter Zuschauer zu sein. Warum haben Sie sich für diese Form der Erzählung entschieden?
Sabine Frambach: Wie fast immer im Leben gibt es dafür zwei Gründe. Erstens mag ich selber als Leserin diese Perspektive. Ich werde nicht gerne in eine Identifikationsfigur gedrückt. Meist sind meine Lieblingsfiguren auch die, die mir nicht angeboten wurden; ich reise beim Lesen nicht mit dem Helden, ich fühle nicht nur mit Frodo, ich wechsele die Lieblinge, ich kämpfe mit Éowyn und leide mit Gollum. Meine eigene Vorliebe spiegelt sich natürlich auch in meinen Texten wieder. Was ich schreibe, würde ich auch selber gerne lesen.
Zweitens empfinde ich die Perspektive als passend für diese Erzählung. Es handelt sich um stilisierte Figuren, wodurch die Geschichte einen fast märchenhaften Klang erhält. Natürlich passt diese Erzählweise nicht immer. Tatsächlich musste ich kürzlich zur ungeliebten Ich – Erzählung greifen, weil eine Geschichte anders nicht funktioniert hat. In „Nur ein Hauch“ existieren keine klassischen Protagonisten zum Mitleiden. Das wird nicht jedem Leser gefallen; mir gefällt es.
Sie wissen ja: Immer, wenn sich ein Autor an alle Regeln des Erzählens hält, stirbt ein Kreativtierchen. 😉
Isabella Benz: Oh, wirklich? Nein, das wusste ich noch nicht. Danke für die Aufklärung! Da werde ich in Zukunft auch darauf achten, damit die Tierchen nicht irgendwann vom Aussterben bedroht sind! Aber sie erwähnten gerade, dass Sie das schreiben, was sie selbst gerne lesen. Daran anknüpfend: Wie wichtig ist es Ihnen, dass Autoren lesen? Lesen sie selbst viel? Und würden Sie sagen, dass das Ihre Geschichten beeinflusst?
Sabine Frambach: Es ist mir nicht wichtig, dass Autoren lesen. Wenn jemand ein tolles Buch schreiben kann, ohne selber zu lesen, finde ich das bewundernswert. Ich selber habe immer viel gelesen. Das fing als Kind ganz klassisch unter der Bettdecke an und hat nie aufgehört; allerdings darf ich mittlerweile im Bett lesen, ohne das Buch verstecken zu müssen. Von Frederick über die unendliche Geschichte bis hin zu Goethes gesammelten Werken habe ich gelesen, was mir in die Finger kam. Auch heutzutage lese ich Bücher sehr unterschiedlicher Genres. Und ich denke, dass es mir hilft zu merken, welche Stilmittel bei mir funktionieren und welche nicht. Mittlerweile erwische ich mich bei einem analytischen Lesen, ich zerpflücke den Text und werfe einen Blick auf das Strickmuster. Wenn mir ein Buch gefällt, überlege ich, was mich daran anspricht und wie der Autor dies geschafft hat. Wenn mir etwas nicht gefällt, überlege ich, was mir an dem Text fehlt. Letztendlich hilft viel Lesen auch ein wenig bei der Rechtschreibung, glaube ich. Für alle Unklarheiten gibt es dann den Duden.
Inhaltlich beeinflussen gelesene Bücher mich ebenso viel oder wenig wie Filme, das Leben, Zeitungen, Spiele. Wie gesagt, die Ideen brüte ich nachts in Träumen aus.
Isabella Benz: Wobei ich denke, dass man viel träumt, was eben von Büchern, Filmen oder dem Leben beeinflusst ist. Meinen Sie nicht?
Sabine Frambach: Was sind Träume? Eine uralte Frage, denke ich. Für die einen ist es der Verarbeitungsprozess erlebter Dinge, für den nächsten Visionen, Zugänge zu einer anderen Welt. Freud glaubte, durch Träume einen Blick auf unser Unterbewusstsein zu erhaschen, nach Jung stammen archetypische Träume aus dem kollektiven Gedächtnis. Traumforschung ist ein sehr spannendes Thema, finde ich. Ich glaube nicht, dass wir darin nur unsere Erfahrungen verarbeiten. Dann hätte ich als Kind sehr seltsame Filme schauen dürfen.
Isabella Benz: Ich merke schon, da habe ich ein zu großes Fass aufgemacht. Und leider neigt sich unsere Zeit auch schon wieder dem Ende zu. Aber Ich habe dank Ihrer Vita herausgefunden, dass Sie den Bund Essay Preis gewonnen haben. Mögen Sie uns zum Abschluss noch etwas darüber erzählen?
Sabine Frambach: An den Essaypreis erinnere ich mich natürlich gerne. Das Thema lautete „Ich glaube nicht an Gott, aber ich vermisse ihn“. Es hat mich sofort angesprochen; ich schrieb einen Text darüber, was ein Atheist sagt, wenn andere Menschen „Oh, Gott!“ ausrufen. Natürlich glaubte ich nicht, unter den Finalisten zu sein. Umso überraschter war ich, als ein Anruf aus der Schweiz kam. Dabei! Ich durfte meinen Text am Abend vortragen; das anwesende Publikum wählte aus den drei Finalisten nach der Lesung den Gewinner.
An dem Abend war ich sehr nervös; es war meine erste Lesung, und die Dampfzentrale in Bern war voll. Außerdem war ich absoluter Außenseiter: Aus Deutschland, die Jüngste, die einzige Autorin ohne Leseerfahrung. Aber ich habe Deutschland würdig vertreten. Am Ende gab es am meisten blaue Kärtchen, und mein persönliches Wunder von Bern war vollbracht.
Der Abend klang dann mit den anderen Teilnehmern und der Jury im Restaurant aus. Der Text wurde einige Wochen später auch im Bund abgedruckt und ist auch online zu lesen.
Isabella Benz: Das klingt wirklich sehr spannend. Herzlichen Glückwunsch noch einmal an dieser Stelle und vielen Dank für das Gespräch!
Sabine Frambach: Ich danke für die interessanten Fragen!
„Sehr schön geschriebene Geschichte, die sich gut liest, die gefällt, schöne Umsetzung des Pestthemas.“ – Michéle-Christin Jehs
Weitere Informationen über die Autorin: Homepage von Sabine Frambach