Das Mittelalter wird häufig als „3 Stände“-Gesellschaft bezeichnet: Es gab Adel, Klerus und den sogenannten 3. Stand, zu dem übrigens nicht nur die Bauern gehören. Die ersteren beiden arbeiteten häufig eng miteinander zusammen und oft sorgten Adelsfamilien dafür, dass ihre Verwandten hohe, klerikale Positionen bekleideten. So gelangte auch Uda, die Nichte der Kaiserin Kunigunde, in die Position der Äbtissin des von Kunigunde gegründeten Benediktinerklosters in Kaufungen. Eine Legende berichtet davon, dass die Kaiserin ihrer Nichte einst eine Ohrfeige verpasst habe. Wie es zu dieser Legende kommen konnte, wird in der Kurzgeschichte „Der Denkzettel“ aus der Anthologie „Gesänge aus Dunklen Zeiten“ verhandelt, deren Autorin Barbara Siwik ich heute auf der Autorencouch begrüßen darf!
Isabella Benz: Frau Siwik, durch Ihren Beruf als Bibliothekarin sind Sie bestimmt viel mit Literatur in Berührung gekommen und Ihrer Veröffentlichungsliste durfte ich auch entnehmen, dass Sie bereits auf ganz unterschiedlichen, literarischen Pfaden unterwegs waren. Mögen Sie uns darüber vielleicht ein bisschen etwas erzählen?
Barbara Siwik: Literatur war für mich immer der Inbegriff dessen, was die Vergangenheit unvergesslich macht. Deshalb bewegen sich meine Geschichten auch häufig in vergangenen Zeiten. Zuerst jedoch bin ich Lyrikerin. Gedichte sind das, was mich Erfahrenes verdichten lässt, ganz in des Wortes Bedeutung.
Isabella Benz: Wie kam es denn dazu, dass Sie von der Lyrik zur Prosa übergegangen sind? Und würden Sie sagen, dass Lyrik und Prosa zwei völlig unterschiedliche Medaillen sind oder doch eher zwei Seiten der einen Medaille Literatur? Wo sehen Sie Gemeinsamkeiten und Unterschiede? Und gibt es etwas, das Ihre Werke (ob nun die lyrischen oder die prosaischen) eint?
Barbara Siwik: Ich schreibe in beiden Genres, denn Literatur ist alles, was geschrieben wird (besser oder schlechter). Gemeinsam ist Lyrik wie Prosa ein lohnender oder spannender oder nachdenklicher Stoff, unterschiedlich ist die Handhabung, ihn darzustellen: Lyrik konzentriert, Prosa entwickelt. Einzige Ausnahme sind vielleicht die Balladen, da darf auch das Thema entwickelt werden. Und nicht zu vergessen: Man kann Lyrik und Prosa durchaus innerhalb einer Erzählung kombinieren. Die Romantiker waren darin Meister.
Isabella Benz: Sind Sie denn ein Fan der Romantik?
Barbara Siwik: Ich bin in erster Linie Bibliothekarin und jede Literaturepoche hat ihre Reize. Aber ja, wenn Sie mich so direkt fragen. Romantische Betrachtungsweisen lassen mehr Spielraum für den Schriftsteller als etwa klassische Dichtung. Romantisch ist vieles möglich, was klassisch verpönt wäre.
Isabella Benz: Mir ist anhand Ihrer Bibliographie aufgefallen, dass Sie auch italienische Texte verfasst haben. Wie und aus welchem Grund haben Sie denn Italienisch gelernt?
Barbara Siwik: Ich beherrsche nur die Grundkenntnisse, um das vorauszuschicken. Die Gedichte, die veröffentlicht wurden, sind natürlich zuvor von meinem italienischen Bekannten auf Fehler durchgesehen worden. Warum ich mich der Sprache zuwandte? Es fiel mir leicht, mich mit ihr zu beschäftigen, weil ich ja auch das (inzwischen sehr angestaubte) kleine Latinum mit mir herumschleppe. Der Grund fürs Lernen? Ich bin fast jedes Jahr im Urlaub in Italien. Man will doch nicht dumm dastehen! Und die Leute auf der Straße sprechen nun mal weder Deutsch noch Englisch.
Isabella Benz: Das stimmt natürlich, wobei sich das heutzutage meines Wissens nach schon ein wenig geändert hat. Englisch ist auch in Italien mittlerweile Pflichtfach in der Schule. Aber ich bin jetzt doch sehr neugierig: Wo waren Sie denn schon überall?
Barbara Siwik: In Italien? In Rom (2x), in Venedig (6x), am Lago di Bolsena und Umgebung (6x), in Neapel (1x), auf dem Vesuv, in Pompeji, in Assisi, oh Gott, ich glaub‘, jetzt höre ich mit dem Aufzählen auf.
Isabella Benz: Da sind Sie aber bereits ordentlich herumgekommen! Ihre Kurzgeschichte spielt ja nun aber nicht in Italien, sondern handelt von einem Benediktinerkloster. Ich muss zugeben, dass ich trotz meines evangelischen Theologiestudiums bisher die regula benedicti nicht durchgearbeitet habe. Wie gut kennen Sie sich denn mit den Benediktinern und ihrem historischen Hintergrund aus?
Barbara Siwik: Ich bin katholisch, Erzieherin im ersten Beruf, gekoppelt mit Katechetik, da sollte man’s wissen. Sie müssen es vielleicht nicht zwingend wissen; eine meiner Tanten war Ordensschwester und (um ehrlich zu sein) für die Geschichte hab‘ ich auch noch ein bisschen recherchiert, wie sich das gehört.
Isabella Benz: Das klingt auf jeden Fall so fundiert, wie es auch in der Geschichte wirkt. Waren Sie denn selbst schon einmal in Kaufungen?
Barbara Siwik: Vorbeigefahren auf der Autobahn (jedenfalls in der Nähe), aber da wusste ich nicht, dass ich jemals eine Geschichte mit dieser Thematik schreiben würde. Natürlich recherchierte ich auch zu Kaufungen.
Isabella Benz: Sie legen sehr viel Wert auf Recherche. Ist das auch das, was Ihrer Meinung nach bei einer historischen Geschichte „das“ Wichtigste ist?
Barbara Siwik: Ja! Die Vorlage kann noch so gut oder spannend sein, wenn der Hintergrund nicht stimmt, lege zumindest ich ein Buch enttäuscht aus der Hand. Ich sagte ja, Literatur hält Vergangenheit lebendig (mit aller Phantasie, die man hineinlegen darf), aber sie soll Vergangenheit nicht verfälschen (das ist wie Kuchen mit Salz statt Zucker gebacken).
Isabella Benz: Wollen Sie uns zum Abschluss auch noch etwas ganz Persönliches von sich verraten: Haben Sie denn ein Lieblingsbuch?
Barbara Siwik: Ich muss Sie enttäuschen: Ich liebe Literatur. Die längste Zeit meines Berufslebens (ich war länger Bibliothekarin als Erzieherin) habe ich Bücher empfohlen, d.h. zuvor sehr genau gelesen. Da entdeckt man überall Schönheiten. Ich weiß nur eins: Ohne Literatur wäre die Menschheit um vieles ärmer.
Isabella Benz: Das ist doch ein schönes Schlussstatement! Auch wenn es natürlich schade ist, wenn Sie uns kein Lieblingsbuch empfehlen können. In jedem Fall möchte ich mich ganz herzlich bei Ihnen dafür bedanken, dass Sie uns einen Einblick in Ihre Kurzgeschichte und in Ihr Leben gewährt haben. Vielen Dank!
Während Coelestina also fromm die in jahrelanger Übung auswendig gelernten Texte mitbetete und -sang, spähte sie in die Dunkelheit der Kapelle hinein. Dort zeichnete sich, außerhalb des Lichtkreises der Kerzen kaum wahrnehmbar, ein Schatten ab. Das konnte nur der Benediktiner sein, den sie vor einer knappen Stunde durch die Klosterpforte eingelassen hatte. Merkwürdig, dass er noch vor ihr hier war, obgleich sie ihn doch gerade erst im Gäste-Dormitorium verlassen hatte.
’Der Böse reitet schnell’ hörte sie die Großmutter daheim in der Kate krächzen …
„Eine gelungene Geschichte. Die Spannung passt, sprachlich top, augenscheinlich keine Fehler, historisch auch korrekt. Alles in allem: Super!“ – Michéle-Christin Jehs
Weitere Informationen über die Autorin: Profil auf Literaturport