In der Kurzgeschichte “Fürst der Gläubigen”, erschienen in der Anthologie “Gesänge aus Dunklen Zeiten“, eröffnet Atir Kerroum ein alternativhistorisches Szenario, in dem es den Sarazenen gelungen ist, bis an den Rhein vorzudringen und den Königssohn der Franken als Geisel gefangen zu nehmen. Nun reist eine Gesandtschaft des Königs nach Mainz, um mit dem dort residierenden Kalifen über die Freilassung des Prinzen zu verhandeln. Zu welchen Mitteln die Protagonisten dabei greifen, und ob es Ihnen gelingt, ihren Prinzen Theudebert nach Hause zu bringen – das alles erzählt Atir Kerroum in einem spannenden Intrigenspiel.
Isabella Benz: Herr Kerroum, Sie haben in Ihrer Kurzgeschichte zwei Parteien, die Sarazenen und die Franken, die sie einander gegenüberstellen. Damit stellen Sie aber auch die beiden religiösen Gruppierungen Christentum und Islam einander gegenüber. Wie stehen Sie zu diesen Religionen?
Atir Kerroum: Mein Vater nimmt den Islam etwas ernster. Meine Mutter hat den evangelischen Kirchenboten abonniert, um die Kirche zu unterstützen. Und ich persönlich bin nicht religiös. In meinen Geschichten spielt Religion aber eine große Rolle.
Isabella Benz: Ich vermute, dass Sie sich durch die unterschiedliche Prägung Ihrer Eltern bereits mit beiden Religionen auseinandergesetzt haben und dabei ein breites Wissen mitbringen, oder?
Atir Kerroum: Ja, das ist richtig. Aber man muss auch sehen: Christentum und Islam früher und heute sind kaum zu vergleichen. Der Islam hat viele Andersgläubige befreit. Religionsfreiheit war in den vorherigen christlichen Staaten ein absolutes Fremdwort. Da war man katholisch oder man hatte ein Problem. Aber das ist alles lange her.
Isabella Benz: Was meinen Sie denn mit „der Islam hat Andersgläubige befreit“? Inwiefern „befreit“? Befreit wovon?
Atir Kerroum: Die Staaten der Spätantike, das römische Reich selbst wie auch seine Nachfolgestaaten, waren despotisch, zum Teil sogar totalitär. Die Araber regelten das über Steuern, die meistens niedriger waren als vorher, und der Rest war ihnen weitgehend egal. Da war man froh, die alte Ordnung los zu sein. Die wirtschaftliche und kulturelle Blüte des Islam im frühen Mittelalter hängt auch an der Toleranz und dem freien Umgang mit altem Wissen zusammen, das im Abendland als heidnische Philosophie im Giftschrank verschwunden war. Sie befreiten die Menschen von desoptischer Unterdrückung. In religiöser und anderer Hinsicht. In Byzanz verkauften Eltern ihre Kinder, um die Steuern zu bezahlen. Bei den Arabern gab‘s das alles nicht.
Isabella Benz: Man merkt bereits an Ihren Antworten, dass Sie sehr viel über diese Zeit wissen. Und bei Ihrer Geschichte waren wir Herausgeber uns ein wenig unsicher, ob unsere Leser wohl genug Hintergrundwissen haben werden, um die Zusammenhänge zu verstehen, vielleicht mögen Sie uns in diesem Rahmen noch einmal verraten, was es bei Ihrer Kurzgeschichte als Hintergrund zu beachten gibt?
Atir Kerroum: Gerne. Die Geschichte funktioniert – hoffentlich – auf zwei Ebenen. Die erste Ebene ist die Story an sich, die man ohne jedes Hintergrundwissen verstehen kann. Die zweite Ebene baut auf einem historischen Szenario auf: Wir stellen uns vor, die Franken hätten es genauso gemacht wie die Westgoten und im frühen 8. Jahrhundert alle Länder westlich des Rheins verloren. Die sich daraus ergebende Situation ähnelt auch der Spaniens, wo sich die Christen an den Grenzen verschanzten und auf ihre Gelegenheit warteten. Inzwischen hat sich westlich des Rheins das Kalifat der Drei Gallien konstituiert und die Franken versuchen, Beute zu machen. Die Franken haben die Schlacht verloren und die Sarazenen haben den einzigen Sohn des Königs gefangen genommen.
Isabella Benz: Danke für die Erläuterung! Ihre Kurzgeschichte liest sich sehr flott und wirkt ungemein gerafft, streckenweise ist sie so sehr von Dialogen bestimmt, dass man beinahe das Gefühl hat, ein Drama zu lesen, wir können uns beispielhaft einmal folgenden Ausschnitt ansehen:
„Der Kalif hat unser Heer vernichtet und Euren einzigen Sohn gefangen genommen. Als Geisel ist Theudebert unschätzbar. Der Kalif wäre schlecht beraten, ihn zu töten.“
Lothar nickte. „Ja, er lebt noch. Jemand muss zum Kalifen gehen und den Krieg beenden.“
„Wenn es dem Kalifen gefällt, lässt er die Unterhändler köpfen.“
„Reginald und Luitger schreckt das nicht. Gott schütze sie! Doch Mut allein erringt keinen Sieg. Es braucht jemanden, der die Sarazenen kennt. Euch haftet der Ruf an, ein ehrlicher Makler zu sein. Würdet Ihr für mich mit dem Kalifen verhandeln?“
Haben Sie die Story von vornherein auf diese Weise konzipiert? Oder haben Sie sie im Nachhinein gestrafft? Und: Sind alle Ihre literarischen Werke dramenartig verfasst?
Atir Kerroum: Drama trifft es ganz gut. Die Helden befinden sich ja in einem Dilemma. Ich arbeite grundsätzlich viel mit Dialogen, weil sie lebendig sind und die Figuren charakterisieren. Viel kürzen oder straffen musste ich nicht. Mit etwas Übung kriegt man die Plots so hin, dass sie von der Länge her aufgehen. Ein wenig unsicher war ich mir wegen des Settings und der historischen Hintergründe. Aber bei Was-wäre-wenn-Szenarien tut man sich immer schwer, ob es zur Geschichte passt oder nicht. Nach dem berühmten Show, don’t tell.
Isabella Benz: Nun, viel „tell“ haben Sie in Ihrer Kurzgeschichte wirklich nicht. Zum Abschluss würde mich noch etwas Privateres interessieren – Sie sind ja nicht in Deutschland geboren, wie und warum kamen Sie denn nach Deutschland – und wir dadurch in den Genuss, eine deutsche Kurzgeschichte von Ihnen lesen zu dürfen?
Atir Kerroum: Ich bin zwar in Algier geboren, aber durch meine Mutter gebürtiger Deutscher. Ich bin in Deutschland aufgewachsen. Aber ich habe einen Bruder, der nicht gebürtiger Deutscher ist, weil die Rechtslage damals noch eine andere war. Da waren nur die Kinder deutscher Väter von Anfang an Deutsche. Die Kinder deutscher Mütter mussten sich einbürgern lassen.
Isabella Benz: Da haben Sie offenbar Glück gehabt, dass Ihnen die Bürokratie erspart blieb.
Atir Kerroum: Nach Helmut Kohl die Gnade der späten Geburt.
Isabella Benz: (lach) In Ihrem Fall stimmt das wohl. Einen Herzlichen Dank dafür, dass Sie sich für das Interview bereit erklärt und uns einen Einblick in die Hintergründe Ihrer Geschichte geboten haben.
Atir Kerroum: Gerne.
„Die Story fliegt nur so dahin und ich habe bis zum letzten Satz mit den Protagonisten mitgefiebert. Sehr spannend!“ – Isabella Benz