„Was seht Ihr?“, fragte Karls Stimme und riss mich zurück auf den Boden. „Ich muss es wissen. Wie lange muss ich meine Männer noch hinhalten? Wie lange dauert es noch? Bitte, Hanna, verratet mir, was Ihr seht.“
Ich blinzelte, noch immer gefangen in den Resten der Vision. „Ich sehe den Sieg“, sagte ich. „Heute ist der Tag, an dem wir unseren Siegeszug wieder aufnehmen.“
Die Ich-Erzählerin „Hanna“ ist eine der bekanntesten Gestalten des Spätmittelalters. Sie ist unter zwei Namen bekannt: Die Jungfrau, Johanna, von Orléans, und im Französischen als Jeanne d’Arc. Sie verhalf dem Dauphin dazu, dass er – wie von ihr prophezeit – in Reims zum französischen König Karl VII gekrönt wurde. Zeit ihres Lebens kämpfte sie dafür, Frankreich von den Engländern zu befreien. Sie wurde nicht nur zur französischen Nationalheldin, sondern auch zu einer Heiligen der katholischen Kirche erklärt.
Bei unserer Ausschreibung für die Anthologie „Gesänge aus Dunklen Zeiten“ gab es viele Kurzgeschichten, die das Thema „Jeanne d’Arc“ behandelten, und hier ist nun die Autorin der einen Kurzgeschichte, die uns bei dieser Masse trotzdem überzeugen konnte: Anne Habedank mit „Für Frankreich“.
Isabella Benz: Liebe Frau Habedank, Frankreich, Hexen, Jeanne … ich habe bereits in besagten Artikel 4 erwähnt, dass ich Jeanne d’Arc eigentlich hauptsächlich von der Anime-Serie Jeanne, die Kamikazediebin kenne – wo sind Sie denn das erste Mal über die Jungfrau gestolpert? Und was fasziniert Sie so sehr an dieser Thematik, dass sie darüber eine Kurzgeschichte geschrieben haben?
Anne Habedank: Das erste Mal davon gehört habe ich natürlich im Geschichtsunterricht, so wirklich beschäftigt habe ich mich damit allerdings erst im Zusammenhang mit einem Vortrag, den ich unter anderem über Schillers Theaterstück Johanna von Orléans halten sollte. Besonders fasziniert hat mich bei Schillers Johanna, dass er sie als Mensch und gar nicht so sehr als Heilige darstellt. Das habe ich dann auch versucht, in meiner Kurzgeschichte rüberzubringen.
Isabella Benz: Das ist Ihnen durchaus gelungen, wie ich meine. Der Glaubensaspekt bekommt in Ihrer Geschichte ja auch eine ganz andere Stellung als in der katholischen Kirche. War diese Menschlichkeit ein Grund, weshalb Sie sich für die Ich-Perspektive entschieden haben?
Anne Habedank: Ja, mir erschien die Ich-Perspektive persönlicher, noch näher an der Hauptperson. Sonst benutze ich sie eher selten in Kurzgeschichten.
Isabella Benz: Welche Perspektive nutzen Sie denn normalerweisen?
Anne Habedank: Meistens eher den Er- bzw. Sie-Erzähler, das heißt, man schreibt schon aus der Perspektive einer bestimmten Person, kann dann aber beispielsweise die Umgebung, in der diese sich befindet, unabhängig von Gefühlen und Ansichten der Person beschreiben, während diese bei der Ich-Perspektive immer mit einbezogen werden sollten, wie ich finde.
Isabella Benz: Ihrer Antwort entnehme ich, dass die Kurzgeschichte bei Weitem nicht Ihre erste ist – seit wann genau schreiben Sie denn? Und wie sind Sie dazu gekommen, Ihre Werke zu veröffentlichen?
Anne Habedank: Geschichten schreibe ich eigentlich seit ich schreiben kann, seit der ersten Klasse also. Die ersten Geschichten liefen allerdings eher auf ganze Romane hinaus und wurden nie beendet. Irgendwann später habe ich mich dann auch an Kurzgeschichten versucht und sie probehalber zu Wettbewerben eingereicht. Einige der Geschichten wurden dann tatsächlich in den dazugehörigen Anthologien veröffentlicht.
Isabella Benz: Heißt das Sie sind von den Romanen gänzlich auf die Kurzgeschichte umgestiegen? Oder arbeiten Sie nebenher noch an dem ein oder anderen längeren Projekt?
Anne Habedank: Ja, ich arbeite auch an längeren Projekten, ein paar habe ich auch tatsächlich schon beenden können. Allerdings bin ich mir noch nicht sicher, ob ich sie später an einen Verlag schicken will.
Isabella Benz: Da drücke ich Ihnen auf jeden Fall die Daumen! In ihrer Vita steht, dass Sie aktuell Biologie in Aachen studieren. Inspiriert Sie das Biologiestudium auch zu der ein oder anderen Kurzgeschichte? Und wie lässt sich die Schreiberei für Sie mit dem Studium vereinbaren?
Anne Habedank: Da man in der Biologie über sehr viel Kurioses stolpert, von dem man sonst glaubt, dass es das nur in Fantasy-Romanen geben würde, inspiriert mich das Studium auf jeden Fall. Man wird zum Beispiel auch dazu verleitet, selbst einmal eine kurze Vampir-Geschichte zu schreiben, um all die Sachen richtigzustellen, die in den Büchern gerne übergangen werden. Wenn man schon versucht, sie zu erklären, dann doch bitte biologisch korrekt. Aber so viel Zeit zum Schreiben, wie ich gerne hätte, habe ich natürlich während des Studiums nicht.
Isabella Benz: Wissen Ihre Kommilitonen denn, dass Sie schreiben? Oder Ihre Verwandten?
Anne Habedank: Meine Familie und Freunde wissen es auf jeden Fall, sie werden ja oft genug zum Probelesen genötigt.
Isabella Benz: Die Schreiberei wird in Ihrem Bekanntenkreis also eher positiv aufgenommen?
Anne Habedank: Positiv, aber auch mit konstruktiver Kritik. Einige meiner Freunde schreiben ja selbst gerne.
Isabella Benz: Dann haben Sie da ja einen guten Rückhalt, das freut mich zu hören. Möchten Sie uns zum Abschluss vielleicht noch etwas Persönliches verraten? Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, was würden Sie sich wünschen und warum?
Anne Habedank: Vielleicht, dass mir nie die Ideen ausgehen und ich auch nach dem Studium die Zeit finde, weiterhin Geschichten zu schreiben. Das brauche ich, um meine Gedanken zu sortieren und auch mitzuteilen.
Isabella Benz: In jedem Fall ist es schön, dass Sie die Zeit gefunden haben, sich meinen Fragen für dieses Interview zu stellen. Herzlichen Dank dafür!
Anne Habedank: Gerne, ich danke auch.
„Endlich einmal eine Jeanne, die mir wirklich gut gefällt. Ihre Erzählstimme ist schön und die Wendung, die die Geschichte einnimmt, positiv überraschend. In Summe wirklich eine ausgezeichnete Geschichte!“ – Michéle-Christin Jehs