Alexander Schmidt ist Autor der Kurzgeschichte „Basilissa“, die in der Anthologie „Gesänge aus Dunklen Zeiten“ veröffentlicht wurde. Darin entwirft er eine alternative Realität um 800 nach Christus: Die Kaiserin des oströmischen Reiches, Irene, hat den ehemaligen Papst Leo gefangen genommen und führt mit ihm einen rhetorischen Schlagabtausch, in dessen Rahmen das entscheidende Ereignis, das die Vergangenheit anders verlaufen lassen sollte, aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet wird.
Isabella Benz: Herr Schmidt, sind Sie dem Ost- und Weströmischen Reich bereits früher begegnet oder haben Sie sich erst im Rahmen dieser Kurzgeschichtenrecherche mit dem Ost- und Weströmischen Reich auseinandergesetzt?
Alexander Schmidt: Nein, die Geschichte des Oströmischen Reiches ist Teil meines Studiums, dies beinhaltet auch Byzantinistik. Von 330 bis 1456 ist darin die Geschichte von Entstehung und Untergang desselben beinhaltet.
Isabella Benz: Dann ist das oströmische Reich wohl eher Ihr Steckenpferd als das weströmische? Oder haben Sie letzteres ebenfalls im Studium behandelt? Btw. möchten Sie unseren Lesern noch verraten, was genau Sie studieren?
Alexander Schmidt: Mein Hauptfach ist Geschichte, spezialisiert auf das Mittelalter, aber trotzdem wird auch erwartet von Antike und Neuzeit Ahnung zu haben. Da die Antike mir mehr zusagt als die Neuzeit, habe ich mich eher in diese eingelesen. Außerdem berührt die Byzantinistik die Spätantike, sodass sich in eben dieser einer meiner Schwerpunkte findet, genauer in der konstantinischen Zeit. Genau studiere ich im Magisterstudiengang „Mittelalterliche Geschichte“, „Historische Hilfswissenschaften“ und „Byzantinistik“.
Isabella Benz: Das Studium der Geschichte und das Schreiben historischer Geschichten – da bedingen sich die Interessen gegenseitig, oder? Aber war denn eines von beidem zuerst da? Hat sich die Schreiberei aus Ihrem Interesse für die Historie entwickelt? Oder haben Sie zuerst geschrieben und deshalb Gefallen an der Vergangenheit gewonnen?
Alexander Schmidt: Das wissenschaftliche Schreiben war zuerst da, das Interesse für Belletristik hat sich erst entwickelt, als ich zum Ende des Studiums mehr Zeit hatte und mal etwas anderes ausprobieren wollte, ein wenig freier fabulieren wollte, obwohl sich auch in meinen Geschichten eine – hoffentlich – hohe Genauigkeit der Faktenlage widerspiegelt. Das Interesse an der Geschichte war, so lange ich denken kann, vorhanden und dürfte wohl mit Karl May geweckt worden sein 🙂
Isabella Benz: Das ist ja spannend! Dann sind Sie über den literarischen Weg zur Historie gelangt und haben über diese wieder zur Belletristik zurückgefunden. Zum Glück für uns! Sie erwähnten eben den Unterschied zwischen wissenschaftlichem Schreiben und Belletristik. Belletristik ist ja nicht nur „freier fabulieren“, sondern benötigt auch einen ganz anderen Schreibstil. Würden Sie sagen, dass das wissenschaftliche Schreiben Ihnen dabei geholfen hat, Ihren Schreibstil zu entwickeln? Oder sehen Sie es eher als Hindernis, gegen das Sie sich ab und an „wehren“ müssen?
Alexander Schmidt: Tatsächlich ist es eher ein steter Kampf, um in der Wissenschaft z. B. keine großen „Spannungsbögen“ zu entwickeln und andererseits in der Belletristik keine Ereignisgeschichte zu schreiben, die den Leser nur langweilen würde. Beide Stile bedingen sich gegenseitig, müssen aber des Öfteren im Zaum gehalten werden und der größte Teil der Arbeit ist meist die Korrektur, um die nicht passenden „Stilblüten“ zu entfernen. Da ich allerdings länger wissenschaftlich geschrieben habe, ist es meist eher in meinen Geschichten ein Problem, auffällige wissenschaftliche Formulierungen zu vermeiden als andersherum.
Isabella Benz: Wie gehen Sie denn bei der Überarbeitung Ihrer Kurzgeschichten vor?
Alexander Schmidt: Ich arbeite normalerweise Schemata ab, um eben unpassende Formulierungen umarbeiten zu können oder Dialogauszeichnungen auf ein Minimum beschränken zu können. Von diesen Korrekturvorgängen gibt es dann mehrere mit verschiedenen noch anderen Schemata. Zu guter Letzt ist der Text dann meist verkürzt und kann an Korrekturleser abgegeben werden, die dann meist doch noch einen Teil Wissenschaftlichkeit anmerken, den ich als essentiell angesehen hatte, aber der dann doch gehen muss.
Isabella Benz: Das klingt nach sehr viel Arbeit!
Alexander Schmidt: Da Korrekturvorgänge, zumindest bei mir, einen Großteil des Schreibens einnehmen, und ich diese als Arbeit empfinde, bleibt nichts anderes übrig, als dass eine gute Darstellung, egal ob belletristisch oder wissenschaftlich, Arbeit ist. Die Quellenarbeit ist für mich viel spannender, genauso wie die Entwicklung dessen, was man daraus im belletristischen Bereich machen kann.
Isabella Benz: Dann wollen wir vielleicht an dieser Stelle einmal einen kurzen Blick darauf werfen, was Sie belletristisch hervorgezaubert haben:
»Ihr habt um eine Unterredung gebeten, Domina Irene?«, eröffnete er den Tanz der Rhetorik, der in den nächsten Stunden die Apsis zu einem Ballsaal der gelehrten Rede werden lassen würde, einem Schach im Kopf und er durfte sich nicht in Widersprüche verstricken oder ihr unterliegen.
»Kyrios Leo, die Frage hat sich in all den Jahren nicht geändert: Werdet Ihr mich anerkennen?«
»Nein.«
Sie legen sehr viel Wert auf Rhetorik. Warum? Welchen Zusammenhang hat das für Sie zur Schreiberei? Und haben Sie sich bereits mit Rhetorik-Theorien auseinandergesetzt?
Alexander Schmidt: Nein, ich habe mich nicht mit Rhetorik-Theorien beschäftigt. Interessant war für mich, dass die Antike im Grunde einen höheren Wert auf die Redekunst gelegt hat, als wir das heute tun, zumindest erscheint es mir so. Ich habe einige der Reden gelesen, die aus der griechischen und römischen Antike überliefert sind, Demosthenes, Cicero, um nur einige Autoren zu nennen und habe festgestellt, dass mich diese sehr beeindrucken konnten. Natürlich durchliefen diese ebenfalls eine Korrektur für die Veröffentlichung, aber trotzdem, die freie Rede war entscheidend, z. B. vor Gericht. So etwas selbst schreiben zu können erschien mir reizvoll und deswegen habe ich in dieser Geschichte einen rhetorischen Schlagabtausch eingebaut.
Isabella Benz: Sind Sie außer im Historischen noch in anderen Genres tätig?
Alexander Schmidt: Ich habe bisher den Anspruch verfolgt, dass meine Geschichten zu einem großen Grad authentisch sein sollen. Der Leser soll sich in der Zeit, die ich beschreibe, zurechtfinden. Da ich dies aber nicht für viele Zeiten kann, fallen manche Genres meinem eigenen Anspruch zum Opfer. Andere würde ich gerne ausprobieren, aber letztlich fehlt mir die Zeit. Einen Politthriller zu schreiben, wäre z. B. ein großes Projekt, welches viel Einarbeitungszeit erfordern würde, was gerade nicht machbar ist. Einzig im Bereich der Fantasy habe ich in meiner Freizeit wenige Sachen im Internet veröffentlicht.
Isabella Benz: Zum Abschluss frage ich eigentlich immer gerne nach etwas Persönlicherem, mögen Sie uns vielleicht verraten, welches Land oder welche Stadt Sie am meisten fasziniert und was das über Sie aussagt?
Alexander Schmidt: Eine Ländergrenze festzumachen fällt mir schwer, ich würde dafür den Kulturraum des Römischen Reiches in seinen größten Ausdehnung in Zusammenhang mit dem des Heiligen Römischen Reiches nennen, was tatsächlich aussagt, dass mich heutige politische Grenzen nicht sonderlich faszinieren. Deutschland hat mich trotzdem immer faszinieren können, weil es einen Facettenreichtum gibt. Münster, wo ich auch lebe, ist eine wundervolle Stadt. In größeren Dimensionen haben mich Rom, wegen der steten Präsenz der antiken Denkmale, Prag, wegen seines jugendlichen Flairs in einer Stadt voller mittelalterlicher Geschichte und Wien wegen seiner k. u. k. Schwere faszinieren können. Letztlich ist Istanbul aber die Stadt, die mich am meisten begeistert hat. Quintessenz: Ohne geschichtliche Exkursion kann ich nicht in den Urlaub fahren.
Isabella Benz: Dann attestiere ich Ihnen hiermit: Sie sind mit Herz, Leib und Seele der Historie verfallen – was sich für unsere Anthologie natürlich gut trifft.
Alexander Schmidt: Ja, dies stimmt, ich muss immer aufpassen, dass ich nicht ins dozieren komme, was irgendwie selten gelingt.
Isabella Benz: Haben Sie vielen Dank dafür, dass Sie sich die Zeit für dieses Interview genommen und meine Fragen so ausführlich beantwortet haben.
Alexander Schmidt: Ihnen auch vielen Dank für die herausfordernden Fragen und die Leitung des Interviews!
Isabella Benz: Gerne!
„Eine spannende Alternativhistorie mit einer interessanten Grundlage und dem Spiel zwischen Wahrheit und Schein. Das Hintergrundwissen lässt mein Theologenherz höher schlagen.“ – Isabella Benz
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